Videoanalyse im Fußball

Videoanalyse und Leistungsanalyse  im Fußball
Video- und Polarsystem im Einsatz

Winning because of what happens behind closed doors. Was passiert hinter den verschlossenen Türen? Ein wichtiges Element der Leistungsanalyse ist die Videoanalyse. Ihre Bedeutung ist auch im Leistungsfußball in den letzten Jahre enorm angestiegen. Videoanalysten bereiten die Spiele für ihre Trainer vor und kategorisieren sie nach taktischen Elementen. Der Trainer kann darauf eine professionelle Mannschaftsbesprechung mit seinen Spielern mithilfe des visuellen Feedback durchführen.

Ziele und Methoden der Videoanalyse

Während in technisch-kompositorischen Sportarten, wie z.B. beim Geräte- und Bodenturnen die Videoanalyse eher technischspezifisch eingesetzt wird, wird die Videoanalyse im Fußball vor allem für die Spielanalyse herangezogen

 

Im professionellen Fußball wird typischerweise die Videoauswertung im Rahmen der Mannschaftsbesprechung am Tag nach dem Spiel vollzogen. In dieser werden im Optimalfall positive Szenen gezeigt, die den Spielern Sicherheit geben und Selbstvertrauen schenken sollen. Natürlich werden auch Negativ-Beispiele gezeigt, wie z.B. taktische Fehler begangen wurden, die der Spieler/ die Spieler während des Spiels gar nicht regestiert haben. Dabei hängt es vom Führungsstil des Trainers ab, wie offen über die Situation diskutiert werden kann. Ich persönlich bevorzuge im Nachwuchsfußball die Strategie, dass die Spieler im Rahmen der Mannschaftsbesprechung ihre eigene taktischen Fehler ansprechen und Lösungsvorschläge machen, wie sie sich besser verhalten können. Der Trainer kann aus der Spielersicht weitere Rückschlüsse für seine taktischen Trainingseinheiten ziehen.

 

Einen sehr interessanten Denkanstoß erhielt ich von Hans Dieter Herrmann beim 2. DFB Kongress, als er von der Videoanalyse des FC Barcelona unter dem Aspekt der Teamentwicklung berichtete. Bei individuellen, taktischen Fehlern sei zunächst der Spieler, der den groben Fehler begangen habe, zu korrigieren. Dann aber sei der Fokus auf die Spieler gerichtet, die NICHT alles gegeben hätten, diesen Fehler für ihren Mannschaftskamerad auszubügeln. Solch eine Art des Coachings kann direkt ein Gefühl der gegenseitigen Verpflichtung untereinander hervorrufen, dass sich in später in einer geschlossen Teamleistung ausdrücken kann.

Wie nutzen Sportpsychologen die Videobilder?

Angewandte Sportpsychologen können sich der Videoanalyse mit verschiedenen Zielsetzungen im Fußball bedienen. Im Rahmen einer 1:1 Gesprächen können taktische und technische Details unter Berücksichtigung der Wahrnehmung des Spielers verbessrt werden.

Mithilfe der sogenannten Video-Selbstkonfrontation (der Spieler sieht sein Verhalten während des Spiels selber auf dem Bildschirm) bekommen die Spieler die Chance, sich intensiver und lebendiger in die Situation hineinzuversetzen, um Gefühle und Gedanken nachzuempfinden. Hier geht es vor allem darum, sich bewusst zu machen, welche Gedanken und Gefühle sich positiv auf das Handeln in technischer und taktischer Hinsicht auf dem Platz auswirken. Anschließend können alternative Bewertungsmuster und neue Handlungsalternativen eingeübt werden.

 

Ein etwas andere Zielstellung verfolgt die Videoanalyse bei der Verbesserung von fußballspezifischen Techniken. Hierbei können individuelle Videoaufnahmen und geeignete Programme mit entsprechenden Funktionen, wie die Slow-Motion, den Trainern und Spielern wertvolle Hinweise auf kleine Bewegungsmerkmale geben, die bei einer leichten Korrektur große Veränderungen bewirken können. Allerdings wird meiner Erfahrung nach dieser Arbeitsbereich kaum bis gar nicht genutzt, da Zeit und Mittel auch in den professionellen Nachwuchszentren meist sehr begrenzt sind.

Der Einsatz der Videoanalyse im College-Basketball

Den Wert der Videoanalyse hat der erfolgreiche Basketballtrainer Mike Krzyzewski alias Coach K. in seinem Buch "Leading with the heart" beschrieben.

 "I want all the players on our team to see themselves through my eyes. They need to know how they really are, not just how they think they are."

Mike Krzyzewski alias Coach K
Mike Krzyzewski alias Coach K

Nach Coach K. decke die Videoanalyse Wahrnehmungsfehler seiner Spieler auf, die sie ohne Videofeedback nicht anders erkennen würden. Durch die Videoanalyse werden nicht nur die Stärken und Schwächen jedes einzelnen Spielers deutlich, sondern die Einsatzbereitschaft und das Engagement auf dem Platz komme deutlich zum Ausdruck. So nutzte Coach K. häufig die Videoanalyse für eine 1:1 Besprechung mit ausgewählten Spielern um über ihr Verhalten auf dem Platz zu reden. Sein ehemaliger Spieler Christian Laettner sagte in einem späteren TV-Interview - zu der Zeit ein erfolgreiche NBA Profi:

"We won championships at Duke because of what happended behind closed doors."

Besonders gefallen hat mir an Coach. K´s Trainerstil seine Liebe fürs Detail. Aus meinen eigenen Praxiserfahrungen kann ich einschätzen, wie aufwändig individuelle Spieler- oder Gruppenanalysen werden können. Dabei gilt: großer Aufwand - großer Effekt. Die Spieler zeigen ein viel größeres Verständnis, lernen und begreifen schneller, in einer individuellen Analyse. Leider wird zu häufig davon abgesehen, denn genau aus dem Grund des hohen Aufwandes schrecken viele Verantwortliche noch davor zurück.

Autor: Nils Gatzmaga

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Kommentare: 2
  • #1

    Alex (Donnerstag, 29 August 2013 14:30)

    Hallo Herr Gatzmaga,

    ein sehr guter Beitrag zum Thema!
    Vor allem der Aspekt Teamentwicklung ist super wichtig und wird hier sehr gut hervorgehoben. Ich finde auch das vor allem junge Spieler noch mehr in die Videoanalyse einbezogen werden müssen. Die Unterschiede zwischen Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung im Fußball-Nachwuchsbereich allein machen das schon notwendig.

    Beste Grüße
    Alexander Bitzke
    fubalytics Online-Fußball-Videoanalyse

  • #2

    psychologie-fussball (Montag, 02 September 2013 19:17)

    Danke für Ihren Beitrag Herr Bitzke. Ja, ich denke, das ist noch viel Potenzial nach oben, eine Videobesprechung effektiv zu nutzen. Ich denke da auch an (kleine) zusätzliche Arbeitseinheiten, in denen die Spieler ohne Anwesenheit des Trainers die Szenen individuell/ im Team aufarbeiten - So wird die Kommunikation im Team untereinander sowie ihr Fußballsachverstand zusätzlich gefördert. Defintiv ein Feld, wo es noch viel auszuprobieren gibt. Ich denke da auch die Ansätze von Professor Dr. Lames zum Thema Videoanalyse.