Wie man den "Angstgegner" schlagen kann...

Von der Psychologie des Angstgegners und wie man ihn bezwingt: Wahrscheinlich kennt es jede Fußballmannschaft: Es gibt diese eine Mannschaft, gegen die man überhaupt nicht spielen mag. Sie liegt einem einfach nicht. Qualitativ mag sie zwar unterlegen sein, aber aus welchen Gründen auch immer sieht man immer schlecht gegen diese Mannschaft aus. Woran liegt das? Und wie kann man sich gegen den Mythos Angstgegner erfolgreich wehren? Lothar Linz hat dazu in seinem Buch "Erfolgreiches Teamcoaching" praktische Anregungen gegeben, wie sich Mannschaften vom Dogma des Angstgegners befreien können.

Wie wird der Gegner zum Angstgegner? In der Regel reichen eine oder mehrere Niederlagen und/ oder sportliches Versagen aus, um einen schleichenden Prozess in Gang zu setzen. Mehr und mehr verbinden wir die Duelle mit Angst. Die Überzeugung wächst, dass man gegen diesen Gegner einfach nicht gewinnen kann. Schnell verallgemeinern wir also einzelne Erfahrungen zu scheinbar allgemeingültigen Grundsätzen, die mit der Emotion Angst zusätzlich verstärkt werden. Durch diese Sichtweise entwickeln wir eine selbsterfüllende Prophezeiung, d.h. durch unsere Überzeugung, dass wir gegen unseren Angstgegner nicht gewinnen können, verlieren wir tatsächlich und bestätigen die Regel. Doch wie kann eine Mannschaft dem Mythos Angstgegner psychologisch vorbeugen?

Schritt 1: Ein Angstgegner ist eine Mannschaft, gegen die wir bislang noch nicht das richtige Mittel gefunden haben.

Nicht mehr und nicht weniger. Die Gründe liegen häufig in der Spielausrichtung des Gegners. Verfolgt man selber eher einen ballbesitzorientierten Fußball, ist man anfälliger für Mannschaften, die eher tief und kompakt verteidigen und auf schnelles Konterspiel setzen. Gerät man gegen solche Mannschaften in Rückstand, wird es noch schwerer, sie zu schlagen. Für die Zukunft bedeutet das allerdings nur, dass man sich gegen diese Mannschaft eine andere Strategie, eine neue Lösung ausdenken sollte. Diese Möglichkeit gibt der Mannschaft den Glauben zurück, aus eigener Kraft den Gegner das nächste Mal mit den richtigen Mitteln schlagen zu können - sie können "ihr Schicksal" beeinflussen.

 

Ebenfalls empfehle ich Euch einen Griff in die psychologische Trickkiste. Dabei können schon kleine Veränderungen im normalen Spieltagesablauf eine große psychologische Wirkung haben. Die Orientierung auf die eigenen Stärken mithilfe einer kurzen Teambuilding-Maßnahme oder eines Motivationsvideos kann das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit stärken. Ausweichtrikots oder "kriegerische Bemalung" mit Schuhcreme auf den Wangen können das Gefühl einer neuen, selbst kontrollierten Situation und selbstbewussten bis aggressiven Einstellung vermitteln.

Folgende Fragen können im Lösungsprozess dem Trainer hilfreich sein:

  • Wie können wir gegen diese Mannschaft anders spielen als bisher?
  • Wo liegen die Stärken/Schwächen des Gegners?
  • Kann ich den Gegner evtl. mit seinen eigenen Mitteln schlagen?
  • Welche Ressourcen/ Stärken hat mein Team, die ich bisher noch nicht genutzt habe?
  • Wie kann ich meinen Spielern das Gefühl von Stärke und Selbstvertrauen  vermitteln? Was hat früher gut funktioniert? Wen kann ich um vertraulichen Rat fragen?
  • Welche taktischen Mittel haben wir?

Schritt 2: Wie können wir den Gegner schlagen?

Ziel ist es, unser Denken und Handeln lösungsorientiert zu gestalten, um zu verhindern, dass die Angst vor dem Angstgegner uns lähmt und wir die Niederlagen als unvermeidlichen Fluch hinnehmen, welchem wir hilflos ausgeliefert sind. Aber: Wir können selber entscheiden, ob wir den Gegner als Bedrohung oder eher als Herausforderung wahrnehmen. Eine weit verbreitete psychologische Technik ist das Reframing (=Neu- und Umbewerten). Danach wird empfohlen, sich die positiven Aspekte aus der schwierigen Situation herauszupicken und neue Lösungsstrategien anzuwenden. In diesem Reflexionsprozess sollte es das Ziel sein, eine realistische Chance zu sehen, den Gegner im nächsten Spiel zu schlagen, ohne den Gegner zu unterschätzen.

Im professionellen Fußball, vor allem in der 1. Bundesliga, ist der Umgang mit den Medien eine weitere wichtige Quelle, den Mythos des Angstgegners proaktiv zu vermeiden. Denn gerne wird schnell vom Angstgegner geschrieben, was sich auf das Denken der Spieler und Trainer übertragen kann. In diesem Fall ist es wichtig, seine eigene Überzeugung auch in der Öffentlichkeit so darzustellen, die richtigen Schlüsse aus den letzten Niederlagen gezogen zu haben und jetzt für dieses Spiel die optimalen Lösungen zu haben.

Autor: Nils Gatzmaga

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