Sportpsychologische Diagnostik beim DFB

Mein Bericht über den Workshop von Jan Mayer. Beim 2. DFB Wissenschaftskongress bot J.Mayer, Sportpsychologe bei der TSG Hoffenheim, einen interessanten Einblick in seine praktische Arbeit. Eingangs stellte er klar, dass die Sportpsychologie ein wichtiges Tool zur Leistungsoptimierung sei. Anhand von psychologischen Tests können Trainer und Verantwortliche wertvolle Rückschlüsse über die mentale Leistungsfähigkeit ihrer Spieler gewinnen. Seinen Vortrag untergliederte er in die 3 Bereiche: Psychologische Leistungsdiagnostik, Belastungsmonitoring und Persönlichkeitsdiagnostik.

Ein Blick auf die Gültigkeit von psychologischen Tests

Hinsichtlich der Gültigkeit von Leistungstest und ihrer Akzeptanz im Leistungsfußball betonte Mayer die Bedeutsamkeit der Kriteriumsvalidität - diese statistische Kennziffer sichert den Zusammenhang zwischen dem Ergebnis aus dem Leistungstest und der Trainereinschätzung hinsichtlich der Leistungsfähigkeit des Spielers. Ein Test könne nur dann valide und praxisrelevant sein, wenn er größtenteils mit dem Bild des Trainers über den Spieler übereinstimme.

Psychologische Leistungsdiagnostik

Im Bereich der psychologischen Leistungsdiagnostik sind kleine Leistungstests zentral in der Mayers Arbeit. Hierzu zählen das Wiener Testsystem, der D2 Konzentrationstest und der Strooptest. Ziel sei es, die mentale Belastbarkeit, die Konzentrationsfähigkeit und das periphere Sehen über Labortests zu messen bzw. zu verbessern.
Bei der Wienertestbatterie muss der Spieler auf verschiedene akustische und visuelle mit Hand- oder Fußbewegungen in kürzester Zeit reagieren. Weiterhin biete das Wienertest-System die Möglichkeit über eine Tracking-Aufgabe das periphere Sehen zu verbessern. Im Prinzip soll das Blickfeld des Spielers erweitert werden. Dieses könne ebenfalls mit kleinen Animationen auf dem Screen, während der Spieler im 90 Gradwinkel zum Screen sitzt, trainiert werden. Es sei nicht unüblich, dass Bundesligaspieler über ein eingeschränktes visuelles Sichtfeld (150 Grad) verfügen, welches durch gezieltes Training jedoch erweitert werden könne (max. 200 Grad).

Life Kinetik - Komplexe Koordinationsübungen in der Bundesliga

Als praktische Übungen für den Platz hob die Mayer die Bedeutung von Koordinationsübungen hervor, die ebenfalls die Konzentrationsfähigkeit verbessern würden. Jürgen Klopp gilt hier als Verfechter der life kinetik Übungen, die inzwischen Teil des Trainingsprogramms in vielen Bundesligamannschaften sind. Klopp geht sogar so weit, dass er diese Koordinationsübungen in das wöchentliche Training einbaut, und darauf schwört, dass es direkt die Leistung seiner Spieler optimiert. Vom Life Kinetik berichtete erst kürzlich das aktuelle sport-studio, wobei die wissenschaftliche Begründung sehr dünn war. Aus meiner Sicht haben die Entwickler von Life Kinetik mit einem cleveren Konzept es geschafft, vielseitige Koordinationsübungen im Leistungsfußball zu etablieren. Denn Koordinationsübungen gab es schon immer, nur spielten sie bislang eine untergeordnete Rolle.

Weitere psychologische Leistungstests und das Einstiegsalter

Du kannst nicht mit jedem Spieler sprechen, aber du kannst jeden Spieler testen.

Der D2-Test bietet sich nach Mayers Auffassung deshalb an, weil er die Leistung der einzelnen Spieler scharf trennen kann. Außerdem benötigt dieser Test nicht einmal 5 Minuten und kann zeitgleich von jedem Spieler ausgefüllt werden. Der Strooptest sei geeignet um zu überprüfen, inwiefern die Spieler irrelevante Reize ausklammern könnten. Zudem zeige er die Bedeutung der Gedanken und könne als Einstieg in das Thema Selbstgesprächsregulation dienen.


Als geeignetes Einstiegsalter schlug Mayer die U 16 vor. Wichtig sei diese Test dann in regelmäßigen Abständen zu wiederholen um die Verbesserung der mentalen Fähigkeiten zu monitoren. Günstige Möglichkeiten zur Durchführung würden sich vor allem in den Trainingslagern ergeben, da hier allein der Fokus auf Fußball gerichtet sei und Freiräume zwischen den Trainingseinheiten sinnvoll für die Diagnostik genutzt werden könnten. Nicht zu verachten sei der Nebeneffekt, dass man so mit den Spielern einfach in Kontakt komme, so Mayer. Diagnostik könne im Sinne eines Ice-Breakers eingesetzt werden.

Beanspruchungsmonitoring

Zum Feld des Beanspruchungsmonitoring zählt Mayer den EBF Sport von Kellman zum wichtigsten Instrument. In dem übersichtlichen Auswertungsprofil könne der Sportpsychologe die Erholung und Beanspruchung des Athleten beobachten und im Sinne der Verletzungsprävention auf mögliche Übertrainingszustände und emotionale Erschöpfung frühzeitig reagieren. Als Beispiel erzählte Mayer vom FC Bayern München, der unter Louis von Gaal und Phillip Laux via Screen an den Kabinentüren, die Spieler anhand einer elektronischen Version des EBF, den Erholungszustand der Spieler abfragten. Dieser Test dauert ebenfalls nicht einmal mehr als 2-3 Minuten und kann daher bei der notwenigen Akzeptanz durch Spieler und Trainer im Trainingsalltag eingesetzt werden.

Persönlichkeitsdiagnostik

Im Kontext der Persönlichkeitsdiagnostik geht Mayer einen angewandten Weg. Zum einen berichtete er über eine individuelle Kombination aus dem NEO FFI und dem FPI, die er selber über die letzten Jahre normiert hätte. Zum anderen beschrieb er eine modifizierte Form des Reiss-Profile, bei welcher er die Skalen reduzierte, unpassende Items löschte, neue Items ergänzte und schließlich eine sportspezifische Normierung durchführte.
In seinem individuell angepassten Reiss-Profile konnte Mayer interessanterweise beobachten, dass gerade vom Übergang von der U17 zur U19 das Risiko- bzw. Aggressionspotenzial und die Wettkampforientierung steigt. Dieses Ergebnis deckte sich mit den Trainereinschätzungen, dass sich in diesem Altersbereich der Konkurrenz extrem zuspitze und nur die mental und körperlich stärksten sich durchsetzen würden.


Kritisch ist hier anzumerken, dass persönlich entworfene Fragebögen keiner wissenschaftlich durchgeführten Überprüfung ausgesetzt sind und daher anfällig sind für Fehlinterpretationen. Andererseits ist es in der angewandten Sportpsychologie wichtig, die Instrumente praktikabel zu gestalten, um sie tatsächlich in den Trainingsalltag einbauen zu können. Es bedarf dann allerdings einer systematischen Arbeitsweise, aus der übersichtliche Spielerprofile und vereinseigene Normwerttabellen entstehen.  

Fazit zur sportpsychologischen Diagnostik

Sicherlich kann die sportpsychologische Diagnostik immer nur ein Hinweis bzw. ein Puzzlestück der ganzen Wahrheit über den Spieler sein. Allerdings kann sie zeitsparend und effizient einzelne Ausprägungen der Fähigkeiten messen und einen Beitrag zur systematischen Betreuung des Spielers beitragen. In meinen Augen ist der Sport EBF von unschätzbarem Wert, um die Erholtheit der Spieler zu messen. Meine bisherigen Erfahrungen haben gezeigt, dass jeder Sportpsychologe den Einsatz und Nutzen diagnostischer Mittel unterschiedlich handhabt. Während der eine auf Diagnostika in seiner Alltagsarbeit schwört, setzt der andere seinen Schwerpunkt auf Gespräche und Beobachtungen. Die Wahrheit liegt wohl zwischen den beiden Ansätzen. Wichtig ist die Systematik, egal für welchen Weg man sich entscheidet.

Autor: Nils Gatzmaga

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Kommentare: 2
  • #1

    Chris (Montag, 06 Mai 2013 09:30)

    Die wiener Testbatterie habe ich jetzt schon häufiger beim DFB in Aktion gesehen (Bsp.: Sommermärchen). Ich frage mich bei solchen Testungen immer wo der vom DFB geforderte Praxisbezug bleibt!
    Um das Blickfeld des Spielers zu erweitern sollte man lieber Trainingsformen finden in denen peripherische Sicht und ein gehobener Kopf zwingend sind...

  • #2

    psychologie-fussball (Montag, 02 September 2013 19:24)

    Danke für Deinen Einwand, Chris. Ja, ich denke der Praxisbezug sollte stets berücksichtigt werden. Zum Thema "Videobasiertes Taktiktraining" gibt es noch viel Luft nach oben! Ich empfehle dazu einen aktuellen Artikel aus dem Kicker von Daniel Memmert, Professor für Spielanalyse. Hier geht es zwar um ein Studiendesign, wie Spieler vor einer Videoleinwand Handlungsentscheidungen treffen sollen. Die Design-Idee lässt sich aber sicher geschickt auf Praxisübungen überleiten. Der Link zum Artikel ist in meinem Blog-Artikel "Neues Video-Schmankerl zu P. Lahm vs. Barcelona".