Psychologie im Nachwuchsfußball - vom Bundesligatraum und dem Selektionsprozess

Heute wage ich einen Blick in den Alltag des deutschen Nachwuchsfußballs. Laut Harttgen, Sportpsychologe vom SV Werder Bremen, sind der "Traum-Bundesliga" vieler Nachwuchstalente auf der einen und das unerbittliche Selektionsprinzip auf der anderen Seite wichtige Einflussfaktoren, die bei einer ganzheitlichen Spielerförderung berücksichtigt werden müssen. Die Antworte laute ein "komplexe Förderung", um der fußballerische, psychologische, soziale und gesundheitliche Aspekte der Leistungsentwicklung optimal aufeinander abzustimmen.

Die Quelle für meinen Artikel über Psychologie im Nachwuchsfußball stellt die Dissertation "Psychologische Aspekte der Entwicklung jugendlicher Leistungsfußballer" von Uwe Harttgen, Sportpsychologe und Nachwuchsleiter vom SV Werder Bremen, dar. In meiner damaligen Zeit als Praktikant in einem Bundesliganachwuchszentrum schrieb ich eine Zusammenfassung der Dissertation, aus der ich folgende Themen vorstelle.

Einleitung in die Psychologie des Nachwuchsfußballs

Harttgen befasst sich in seiner Dissertation mit psychologischen Aspekten der Leistungsförderung von Nachwuchsspielern, um bei Trainern und Verantwortlichen ein Verständnis für das komplexe Zusammenspiel der vielen Entwicklungsfaktoren zu erzeugen.


Grundsätzlich vertritt er die Auffassung, dass die „psychologische Analyse und psychologisch begründete Maßnahmen eine größere Rolle in der Leistungsförderung spielen sollten“ (S. 5).


Kern seiner Ausführungen bildet das Thema „komplexe Förderung“, in welchem Förderung nicht einfache sportliche Talentförderung bedeutet, sondern auch psychologische Bewertungs- und Entwicklungsprozesse, soziale und gesundheitliche Fähigkeiten eingeschlossen sind. Seine Überlegung ist, dass „die Entwicklung der sozialen Persönlichkeit und die Entwicklung sportlicher Leistung bei jugendlichen Fußballern besser aufeinander bezogen werden müssen.“ (S.6).
Es gehe darum, die Belastungen des Fußball-Alltags zu verarbeiten, sprich Bewältigungsfähigkeiten zu entwickeln. Dabei müsse man den Fragen nach den Belastungskomplexen (Anforderungen in Fußball, Schule etc.), Bewältigungsprozessen (Formen der Bewältigung), personale Ressourcen (biographische Hintergründe, Handlungsorientierungen) und sozialen Ressourcen auf den Grund gehen.


Weiterhin stellt er die Bundesliga-Orientierung der Nachwuchsspieler als dominanten Faktor heraus, der häufig eine schädigende Diskrepanz zwischen ferner Wunschorientierung und kurzfristigen Leistungskriterien erzeuge. Einfacher gesagt: Viele Jungs sehen sich schon als kommende Bundesligaspieler und verlieren im Alltag den Boden unter Füßen.
Außerdem hinterfragt er das Selektionsprinzip der gängigen Nachwuchskonzepte. In Mannschaften herrsche hoher Konkurrenzdruck um Einsätze und Stammplatze, wobei diejenigen „auf der Strecke bleiben“, denen eine Profikarriere nicht zugetraut wird. Dieses rücksichtlose und kurzweilige Auswahlprinzip habe Konsequenzen für die Identitätsentwicklung vieler junger Spieler, denen man Aufmerksamkeit schenken müsse (S. 8-9).

Zielsetzung von Harttgens Arbeit

Aus der Trainerperspektive heraus formuliert Harttgen, dass das „Fußballerische“ erweitert und durch psycho-soziale Aspekte der Leistungsentwicklung ergänzt werden sollte. Denn die Antwort „mehr Training“ auf Probleme der Leistungsentwicklung werde der Komplexität der Einflussfaktoren auf die sportliche Leistung nicht gerecht. Es gehe vielmehr darum, dem Trainer „Werkzeuge“ an die Hand zu geben, um die psycho-soziale Entwicklung der Nachwuchsspieler zu beobachten, einzuschätzen und zu unterstützen.

Kernstück der Arbeit: Theorie, Praxiserfahrungen und Arbeitsergebnisse

Harttgen beschreibt zunächst seine Erfahrungen aus dem Werder-Alltag im Nachwuchsfußball. Im Leistungssport sei die gesunde Persönlichkeitsentwicklung mit den Erwartungen konfrontiert, sich ständig verbessern zu müssen, obwohl hinreichend bekannt sei, dass die Leistungsentwicklung nicht kontinuierlich steil ansteige, sondern es auch Leistungsplateaus und – Regressionen gebe (S. 21).

Im Kontext der einzelnen Entwicklungsaufgaben spricht Harttgen von der schwierigen Aufgabenstellung für junge Talente, neue soziale Beziehungen organisieren zu müssen, die aufgrund der räumlichen und emotionalen Trennung vom Elternhaus entstehen würden. Peer-Beziehungen müssten sich erst verdient werden und können jederzeit aufgegeben werden. Die Bedürfnisse nach Akzeptanz und Integration in die Altersgruppe sind entscheidend für das psychische Wohlbefinden. Als pädagogische Konsequenz ergebe sich daraus, Möglichkeiten zu gewähren um beziehungsförderliches Handeln zu erlernen. Dieser Aspekt des sozialen Lernens sei bisher zu sehr vernachlässigt worden.


Hinsichtlich des Leistungsprinzip beschreibt Harttgen das Trainer-Athlet-Verhältnis als problematisch. Demnach sei es natürlich und verständlich, dass jeder Trainer in ihrer Abhängigkeit von Ergebnissen den größten Erfolg wolle und dazu die besten Spieler auswähle. Dafür würden Trainer allerdings mal schnell kleinere Verletzungen, schwache schulische Leistungen und soziales Fehlverhalten ignorieren. Das Leistungsprinzip ist allgegenwärtig. Die mittel- und langfristige Förderung werde so vernachlässigt. Hinzu kommen die Erwartungen des Spielers und des sozialen Umfeldes. Schnell wittern talentierte Spieler den Bundesligaeinstieg und stellen die Schule oder berufliche Ausbildung infrage. Warum soll ein Toptalent noch weiter zur Schule gehen? Die durch das Umfeld suggerierte Auffassung – noch mehr Konzentration auf den Fußball, noch mehr Training – soll helfen, die Bundesliga zu erreichen. Andere Lebensbereiche werden ausgeblendet. Das Leistungsprinzip wirke sich ebenfalls auf die sozialen Beziehungen aus. Die Spieler stehen immerzu in einem Konkurrenzverhältnis zueinander (S. 69).

 

Als wesentliche Leistungsmerkmale im Fußball gelten sportspezifische Fertigkeiten und Fähigkeiten (Kondition, Technik, Zweikampf etc.) Nur am Rande würden Teamfähigkeit, Sozialverhalten, Lernfähigkeit, Persönlichkeit oder Selbstbewusstsein betrachtet werden (S. 70).


Letztendlich schaffen nur ganz wenige Talente den Sprung in die Bundesliga. Als Gründe werden angeführt: Leistungsstillstand, Rückentwicklung, sportliche Defizite und generalisierte Auffassungen über Einstellung, Motivation, Labilität und Irritierbarkeit der Jugend. Die Frage nach der Verarbeitung solcher Rückschläge wird nicht beantwortet. Selten werden die Spieler auf die realistische Situation, dass sie den Sprung in den bezahlten Fußball nicht schaffen, professionell vorbereitet.

Methodisches Vorgehen

Die methodische Vorgehensweise basiert auf Befragungen von Bundesliganachwuchsspielern zum Selbstkonzept und einer Befragung der sportspezifischen Zusammenhänge. Die Untersuchung fragt somit nach den Anforderungen und deren Bewältigung aus der Sicht der jungen Spieler. Insgesamt wurden 328 Nachwuchsspieler von Bundesligavereinen befragt.

Untersuchungsergebnisse

Als zentrales Ergebnis wird die oft unterschätzte, dominierende Bedeutung der Orientierung auf die Fußball-Bundesliga, eine bislang in der Praxis stark vernachlässigte Bedeutung des sozialen Umfeldes sowie Spannungen in den kommunikativen Aufgaben der Trainer vorgestellt.


Von den 328 Bundesliganachwuchsspielern möchten 96% Profi werden. 69% würden sich dies auch zutrauen. Hinsichtlich der Vereinbarkeit von Schule und Fußball schwanken die Einschätzungen.

 

Sportliche Belastung auszuhalten, gehört zum Selbstverständnis. Die Spieler gehen gerne zum Training. Allerdings haben sie keine Zeit mehr für andere Hobbys. Die Spieler spüren den Leistungsdruck innerhalb der Mannschaft (70%), schätzen das Konkurrenzverhalten aber als förderlich ein (93%).

 

Ab dem 17ten Lebensjahr scheint die Vereinbarkeit infrage gestellt zu werden. Die Spieler äußern den Wunsch nur Fußball zu spielen. In den älteren Jahrgängen ändert sich diese Einschätzung wieder, da sie wohlmöglich gelernt haben mit den Belastungen umzugehen. Insgesamt zeigt sich die Trainer-Spieler-Beziehung gespalten. Aus Sicht der Spieler bestehe mehr Redebedarf zwischen Trainer und Spieler. Zudem wird die Autorität häufig als problematisch eingeschätzt.

Ausblick & Diskussion: Folgerungen für die Leistungsentwicklung

Leistung zählt zu den wichtigsten Orientierungen unserer Gesellschaft. Das Ziel ist Wachstum in jeglicher Hinsicht. Somit enthält die Bundesliga-Orientierung eine hohe gesellschaftliche Bewertung und motiviert zu sportlicher Leistung. Allerdings verdeutlichen Praxiserfahrungen und die Untersuchungsergebnisse, wie schwierig es für viele junge Talent ist, sich im Alltag auf Schule und soziale Beziehungen zu konzentrieren bzw. einzulassen. Eine gesunde Persönlichkeitsgefährung ist hierdurch gefährdet.

 

Zusammenfassend spricht Harttgen 3 Schwachstellen bisheriger Förderkonzepte deutscher Nachwuchszentren an.

  • Tunnelblick "Fußball"- nur Konzentration auf Fußball - Schule und eine angemessene Persönlichkeitsentwicklung werden vernachlässigt -
  • Bemutterung "Das darst du nicht, tu dies, tu das, wir regeln das für dich"- Unterstellung von Unselbstständigkeit. Tatsächlich sollten persönliche Stärke und Selbstständigkeit selbstständig entwickelt werden.
  • „Survival of the fittest“ – Selektionsprinzip erfasst nicht die gesellschaftlichen Herausforderungen an junge Talente. Die Ausgeschiedenen sind häufig nicht auf ein Leben nach dem Fußball vorbereitet.

Lösungsansatz - Entwicklungsberichte erstellen

Die Entwicklung des Spielers sollte ganzheitlich betrachtet werden. Für eine gesunde Persönlichkeitsentwicklung reicht der Erfolg im Fußball allein nicht aus. Gerade die Bestätigung schulischer Leistungsfähigkeit ist vor diesem Hintergrund entscheidend. Es gilt die schulische Bildung und das Fußball-Training als zusammenhängende Qualifizierung zu begreifen. Mithilfe von sogenannten Entwicklungsberichte können folgende Bereiche und Fähigkeiten übergreifend analysiert werden:

  • Einschätzung der fußballerischen Entwicklung
  • Psycho-soziale Entwicklung
  • Teamfähigkeit
  • Einstellung, Aufgabenbewältigung
  • Sozialbeziehungen etc.

Meine Gedanken zu Harttgens Ergebnissen

Harttgens Arbeit analysiert sehr scharf die aktuellen Umstände im professionellen Leistungsfußball. Dabei fokussiert er sich auf eine Kernproblematik, die bislang noch nicht gelöst ist - die Verbindung des häufig unrealistischen "Bundesligatraums" mit dem unerbittlichen Selektionsprinzip. So treffend er die Problematik theoretisch beschreibt und mit quantitativen Daten belegt, so dürftig fallen in meinen Augen seine Praxisempfehlungen aus. Die Entwicklungsberichte sind ein kleiner Teil eines großen Lösungsansatzes, der in dem Buch nur leicht angerissen wird. Vielmehr halte ich es für wichtig, dass Spieler, Trainer und Pädagogen offen kommunizieren, um eine gemeinsame Linie zu finden. Wie solche Kooperationen aussehen können, lass ich an dieser Stelle offen. Auf jeden Fall sollte der allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung der Jungs mehr Beachtung geschenkt werden, wozu auch das Erlernen von realistischen Zielsetzungen zählt.

Wenn Ihr die komplette Zusammenfassung des Buches haben wollt, schickt mir einfach eine Mail an psychologie.fussball@gmail.com

Autor: Nils Gatzmaga

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Kommentare: 1
  • #1

    Garnet Packard (Freitag, 03 Februar 2017 12:46)


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