Wie Du besser mit Druck umgehen kannst

Zwei ältere Interviews von Thomas Hitzlsperger und Marc-Andre ter Stegen nahm ich zum Anlass, einen weiteren Artikel zum Thema Druck im Fußball, diesmal aus der Spielerperspektive, zu schreiben. Neben interessanten Tipps, wie man als Fußballer funktional mit dem Druck umgehen kann, erläutert Thomas Hitzelsberger zudem seine Erfahrungen aus der Zusammenarbeit mit Sportpsychologen.

In dem Interview aus dem Jahr 2009 geht T. Hitzlsperger auf seine Erfahrungen ein, sich jeden Tag im Leistungsfußball beweisen zu müssen und mit dem Druck in jedem Training und Spiel umzugehen. Als wichtige Fähigkeit nennt T.H., sein eigenes Spiel konstruktiv  zu analysieren. Zudem solle sich der Spieler bewusst hinterfragen, wie er mit Siegen und Niederlagen umgehe, wie er auf die 50.000 Fans am Spieltag reagiere, wer er mit den Medien umgehen wolle und woher er sich konstruktive Hilfestellungen holen könne.

Sportpsychologische Hilfe präventiv nutzen

In diesen Zusammenhang nennt T.H. seine Erfahrungen mit Sportpsychologen. Nach T.H. sei es vor allem in Englang nichts Besonderes mit Sportpsychologen zusammenarbeiten. In seiner Zeit als Premier League Spieler sei er das erste Mal auf Sportpsychologen gestoßen, die sich der Mannschaft offen vorgestellt hätten, um ihnen freiwillige Betreuungsangebote auf 1:1 Basis anzubieten (siehe auch ethische Grundsätze der sportpsychologischen Betreuung). Da im englischen Fußball der Sportpsychologe häufig ein Bestandteil des Trainer-/Betreuungsteams ist gehe ich davon aus, dass der Sportpsychologe im Fall von T.H. in enger Absprache mit dem Trainer handelte. Denn nur mit dem Vertrauen und der Unterstützung des Trainers kann die Sportpsychologie als leistungsoptimierendes Tool von den Spielern anerkannt und wertgeschätzt werden.

 

Im konkreten Fall nennt T.H. als Ziel der sportpsychologischen Betreuung, die negativen Phasen der Formkurve zu minimieren. Ich finde diesen Ansatz deshalb erwähnenswert, da er nicht ignoriert, dass Leistungsschwankungen ein Teil der sportlichen Leistung sind. Aus der Sicht von T.H. könne die langfristige Zusammenarbeit mit Sportpsychologen helfen, seine Leistung zu stabilisieren und persönlich zu wachsen. Diesem kann ich nur beipflichten, denn zu häufig wird der Sportpsychologe erst in Krisensituationen gerufen, der dann als Feuerwehrmann schnell den Brand löschen soll. Gewinnbringender wäre es für alle Akteure, wichtige mentale Erkenntnisse bereits in "guten Zeiten" zu nutzen, mentale Stärke auszubauen und Defizite auszugleichen.

Konkrete Hilfestellungen für das Spiel

Auf das Spiel bezogen empfiehlt T.H., bestimmte Gedanken auf dem Platz auszuschalten, sprich nur die relevanten Gedanken zu denken (Anmerkung von N.G.: Das kann man trainieren!). Aus sportpsychologischer Sicht ist es vor allem wichtig, Störgedanken, wie den Ärger über Mitspieler, Gegner oder Schiedsrichter oder Angstgedanken auszuschalten. Der Fokus sollte auf der Handlung liegen. Was ist meine taktische Aufgabe? Wo ist der Ball? Wie stehen Mitspieler und Gegner zu Ball? Wo sind freie Räume? Was kann als nächstes passieren? .etc....sind typische handlungsleitende Fragen, die den Fokus zurück auf das Spiel legen. Über die Technik der Visualisierung, die Ecke scharf und präzise vor der Ausführung zu schlagen oder den Elfmeter sich rechts unten zu verwandeln, lässt sich zudem die Selbstsicherheit und somit die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die Handlung auch erfolgreich auszuführen.

Weitere Tipps zum Umgang mit Druck im Fußball

Neben den handlungsrelevanten Gedanken erwähnen T.H. und M.A. ter Stegen weitere Techniken, die den Fokus auf die relevanten Aspekte der Leistung im Fußball legen können.

  • Keine Zeitung lesen - Die Meinung der Medien ignorieren
    • Die Noten von Kicker, Sportbild und Co., sowie provozierende, bisweilen beleidigende Titelschlagzeilen können Angst, Unsicherheit und Zweifel bei den Spielern hervorrufen, ohne dass die mediale Bewertung auf einer fundierten Basis getroffen wurde. Taktische Vorgaben, eintrainierte Spielzüge und individuelle Aufgaben, die nur innerhalb des Mannschaftskreises besprochen werden, sind den Medien fremd und können daher keine objektive Analyse bieten. Wichtig ist es, sich der Aufgabe der Medien bewusst zu werden. Denn sie sind den Interessen der Öffentlichkeit, den Millionen von Fußballfans verpflichtet. Sie müssen mit dem wenigen Infomaterial Schlagzeilen und News erzeugen, um sich im Konkurenzkampf der Presselandschaft zu behaupten.
  • Die Fähigkeit, seine eigene Leistung sachlich zu analysieren
    • Wichtig ist es sowohl nach Niederlagen als auch nach Siegen, die eigene Leistung einzuschätzen. Wie sehe ich mich selber? Habe ich erreicht, was ich mir vorgenommen habe und was meine Aufgabe war? Was lief gut? Was sagt der Trainer? Woran muss ich noch arbeiten? Auch M.A. ter Stegen betont die Bedeutung der Sachanalyse, um in schwierigen Zeiten konstruktiv zu kommunizieren und neue Lösungen zu finden.
      Vorsichtig sollte man vor den "Schulterklopfern" sein. So konnte ich schon öfters beobachten, wie Selbstzufriedenheit schnell negative Auswirkungen auf die Leistung haben kann. Gerade im Beraterumfeld werden durchschnittliche Leistungen schnell als "Spitzenleistung" bewertet, um die Gunst des Spielers zu gewinnen. Fachliches Feedback sollte man sich vom Trainerteam oder befreundeten Mitspielern holen. Die Bedeutung von vertrauensvollen Beziehungen zu seinen Mitspielern habe ich bereits in dem Artikel 8 Schritte zur Selbstmotivation im Fußball aufgegriffen.  
  • In der Freizeit komplett abschalten
    • M.A. ter Stegen sieht diese Fähigkeit als besonders wichtig an, um sich vom Druckempfinden des Bundesligaalltags zu befreien. Wie T.H. hält er es für entscheidend nicht nur in den Phasen der Krise, sondern auch des Erfolgs bewusst abzuschalten, um die Regeneration auch mental zu optimieren. Er findet zum Beispiel geistige Erholung in den Spaziergängen mit seinem Hund. Rene Adler findet sie beim Kochen.
  • Feindbilder aufbauen
    • Gleich vorweg: Diese Technik kann, muss aber nicht jedem Spieler zusprechen. So berichtet T.H. davon, dass er in seiner Laufbahn einige Mitspieler erlebt hat, wie sie Medien, Gegner oder den Ex-Verein als Feindbilder zur Motivation aufbauen, um den Fokus auf das Spiel zu legen. Aus meiner Sicht würde ich diese Technik nur empfehlen, wenn der Spieler das Feindbild auch wieder abbauen kann. Zur mentalen Vorbereitung auf das Spiel kann ich diese Technik durchaus empfehlen, um sich für das Spiel zu aktivieren. Nach dem Spiel sollte es dem Spieler aber gelingen, wieder in den "normalen" Persönlichkeitsmodus zu wechseln und mit den verschiedenen Akteuren fair umzugehen.

Weitere Hintergrundinfos und Praxistipps zum Umgang mit Druck im Fußball findet Ihr in meiner Reihe "Spiele werden im Kopf entschieden". Wie Felix Neureuther mit Druck umgeht, findet Ihr unter Humor hilft gegen Druck.

Autor: Nils Gatzmaga

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