"Druck im Fußball" starring Jürgen Klopp und Mario Götze

"Dieser Mann braucht heute Nerven aus Stahl!" Mit diesen Worten eröffnete Oliver Welke die Vorberichterstattung zum Champions League Halbfinale von Borussia Dortmund gegen Real Madrid. Gemeint waren Mario Götze und sein Wechsel zum FC Bayern München, der ein Tag vor dem Halbfinalkracher gegen Real Madrid öffentlich bekannt wurde. Der Zeitpunkt war sicherlich sehr speziell, um es mit Welkes Worten zu beschreiben - aus psychologischer Sicht eine riesige Herausforderung für einen jungen 20-Jährigen den Fokus auf das Wesentiche, sein Spiel, zu behalten. Wie Jürgen Klopp psychologisch vorgegangen ist, werde ich in diesem Artikel tiefer beleuchten.

Wie muss sich Götze gefühlt haben?

Antworten dazu liefern die Praxiserfahrungen von Oliver Kahn und vor allem die Hinweise von Jürgen Klopp aus der Vorberichtserstattung im ZDF. (Den Link zur Mediathek findet Ihr hier - ich hoffe, Ihr könnt noch eine Weile darauf zurückgreifen. Vor allem die Zeit um Minute 65-67 ist für diesen Artikel relevant.)

Zunächst greift Welke auf das Erfahrungswissen von Oliver Kahn zurück, der versucht die Situation von Götze psychologisch zu beschreiben. Es sei klar, dass Götze sich Gedanken mache, so Kahn. "Was werden die Fans sagen? Wie werden sie reagieren? Wie groß wird die Enttäuschung sein?".

Was ich an dieser Stelle viel wichtiger finde, ist der mögliche Gedanke an die Mannschaft und den Trainer. "Wie werden meine Mitspieler reagieren? Was wird mein Trainer sagen?" Auch wenn ich nur aus der Ferne die Gefühlslage einschätzen kann. Ich denke, es gab schon angenehmere Tage für Mario Götze, als er am Dienstagmorgen aufs Trainingsgelände eingebogen ist.

Einen Hinweis, wie die Mannschaft reagiert haben könnte, liefert unerwartet ein Bayern Spieler (ebenfalls in der Vorberichtserstattung eingeblendet). So kann sich Thomas Müller im Interview nach dem Barca-Spiel vorstellen, dass die Dortmunder Mannschaft hinter Mario Götze stehen und ihn unterstützen wird. Klar, der kann jetzt viel erzählen, werden Kritiker hier einwenden. Allerdings bestätigt die geschlossene Mannschaftsleistung des BVB 09 vom gestrigen Abend die Einschätzung Müllers.

Wie ist Klopp mit der Situation umgegangen?

Bevor ich weiter unten auf das Verhalten von Klopp gegenüber Götze eingehe, beschreibe ich zunächst den ersten Schritt von Klopp aus sportpsychologischer Sicht. Einmal mehr greift Jürgen Klopp bewusst oder unbewusst in die psychologische Trickkiste, um das Drama der Situation zu entschärfen. Die Technik des Reframing - des Umbewertens einer bedrohlichen Situation - habe ich schon in einigen Artikeln erwähnt.

Wie kann man also die Enttäuschung und Betroffenheit über den Wechsel von Götze schnell abschütteln und in den Handlungsmodus übergehen? Folgende Hinweise liefert Klopp auf der Pressekonferenz und im Interview mit Welke und Kahn:

  • "Wer auch immer wollte, dass wir gestört werden auf die Vorbereitung auf dieses Spiel, er wird keinen Erfolg haben." (Klopp bei der Pressekonferenz)
  • "Es ist heute nicht mehr so wichtig. Weil das war ja gestern. Es war ja auch schon eine Nacht dazwischen. Es ist schon ok." (Klopp im Gespräch mit Welke und Kahn)
  • An sich ist die Nachricht eines Vereinswechsels keine große Nachricht. Götze ist ein großartiger Spieler. Spieler wechseln im Fußball die Vereine. Vereine geben Spieler ab. Verträge laufen aus. So ist das im Fußball. Er wird bis zum Ende seine Pflicht erfüllen. (Sinngemäße Wiedergabe von Klopps Äußerungen im Interview mit Welke & Kahn)
  • "Ich bin im Hier und Jetzt". (Klopp im Gespräch mit Welke und Kahn).

Klopp schafft es also geschickt, die Bedrohung der Situation herunterzuspielen, indem er zunächst die Lage realistisch einschätzt um dann nach Handlungsmöglichkeiten in der Gegenwart und für die Zukunft zu suchen, wie er seiner Mannschaft und seinem Spieler am besten helfen kann.

Wie ist Klopp mit Götze umgegangen?

Natürlich, so gibt Klopp im Gespräch mit Welke und Kahn zu, kann er nicht garantieren, dass Götze dem Druck standhalte. Es sei halt wichtig, dass er es schaffe, sich auf sein Spiel zu konzentrieren und alle anderen Gedanken auszublenden. Wie Klopp im Vorfeld psychologisch mit Götze gearbeitet hat, verrät er wie folgt:

 

Stichwort - Wort-Case-Scenarien

 

- eine interessante Methode, in der alle positiven und vor allem negativen Szenarios durchgesprochen werden. Der Trainer und Spieler greifen in der Zukunft voraus, stellen sich alternative Wege vor und besprechen vor allem WIE der Spieler mit der jeweiligen Situation am besten umgehen kann. Dadurch behält der Spieler seine subjektive Handlungskontrolle - er kann sich auf jeden Fall vorbereiten. Tritt ein besprochenes Wort-Case-Szenario tatsächlich ein, so kann der Spieler auf seine Vorbereitung, wie er mit der Situation umgehen wird, zurückgreifen - denn er war zumindest im Geiste schon einmal in dem Szenario.

 

Darüber hinaus ist es durchaus denkbar, am Ende jedes Szenarios - mag es auch noch so negativ enden - festzustellen, dass "das Leben auch danach weitergeht". Auf einmal ist das Worst-Case-Scenario gar nicht mehr so schlimm.

 

Ein mögliches Szenario hätte im Falle Götzes zum Beispiel sein können: "Wie werde ich mich verhalten, wenn die Fans mit einem gellenden Pfeifkonzert empfangen?" - "Welche Gedanken und Handlungen helfen mir in dem Moment, mich auf meine Erwärmung und mein Spiel zu konzentrieren?". Ich kann mir bei dem verschworenen Dortmunder Kollektiv gut vorstellen, dass sie ihm auch Hilfestellungen gegeben haben, wie Thomas Müller bereits angedeutet hat. Wie und in welcher Form mag ich aus der Ferne nicht zu beurteilen. Fest steht:

 

Die Wahrheit liegt auf dem Platz.

 

Diese 3€-Phrase beinhaltet sportpsychologisch mehr, als man es vorher möglicherweise erwartet hätte. Es erinnert mich an das amerikanische Prinzip der Sportpsychologie: "Control your Controlabels" - frei übersetzt:

 

Beeinflusse das, was du beeinflussen kannst.

 

Das Verhalten der Fans vor Anpfiff konnte Mario Götze nicht beeeinflussen. Das was er am gestrigen Abend beeinflussen konnte, waren seine Aufgaben und Bewegungen auf dem Platz. Und das ist ihm in einer stark aufspielenden Dortmunder Mannschaft mit einem famosen Publikum im Rücken mehr als gelungen.

Was können Trainer und Spieler von Klopps Vorgehen lernen?

Was können Trainer und Spieler aus der psychologischen Trickkiste der Dortmunder also mitnehmen?

  • Reframing - Die Bedrohung der Situation aus einem anderen Blickwinkel herunterspielen. Das "Drama" der Situation kann gezielt relativiert werden.
  • Der Wechsel vom emotionalen Zustand (Wut, Ärger, Enttäuschung) in den lösungsorientierten Handlungsmodus kann mit der Technik des Reframings effektiv umgesetzt werden.
  • Die Rückendeckung des Trainers und der Mannschaft kann eine positive Wirkung auf das Verhalten der Fans haben. Für den betroffenen Spieler ist sie wahrscheinlich die wichtigste Variable im ganzen Prozess.
  • Der Fokus auf seine taktischen Aufgaben im Spiel hilft dem Spieler "das Richtige" zu denken, so dass negative Gedanken erst gar nicht aufkommen können - Der Fokus auf das Wesentliche im Hier und Jetzt - Diese Fähigkeit ist in meinen Augen ein enorm wichtiger Bestandteil mentaler Stärke im Leistungssport.

Autor: Nils Gatzmaga

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