Wie kann der Underdog den haushohen Favoriten bezwingen?

Wenn David im Pokal auf Goliath trifft …. Dann sind die Rollen klar verteilt. Der Underdog steht vor der scheinbar unlösbaren Aufgabe, den scheinbar übermächtigen Gegner zu bezwingen.  Vor allem im Pokal kommen diese Situationen immer wieder vor. 3.Liga gegen Bundesliga, Oberliga gegen Regionalliga – Die Frage, die sich aus sportpsychologischer Sicht für die Trainer der Underdogs hierbei stellt, ist: Wie können sie psychologisch auf ihre Mannschaft einwirken, dass ihre Spieler an einen möglichen Sieg glauben? Teil 1

Auf Anfrage eines Trainers

Angeregt wurde ich zu diesem Artikel von einem Trainer, der sich genau in dieser Situation mit seiner Mannschaft befindet. Auf die Frage, was ich als Sportpsychologe „aus der Ferne“ empfehlen würde, entschied ich mich, diesen Artikel zu schreiben, um einige Anregungen, was man als Trainer machen könnte, zu geben. Hauptquelle meiner Ausführungen sind die Überlegungen von Lothar Linz – „Erfolgreiches Team-Coaching“, 2004.

Wie der Schäfer David den Krieger Goliath bezwang

Linz (2004) empfiehlt in diesem Kontext eine biblische Geschichte als Aufhänger. Die Geschichte handelt von David, einem jungem Schäfer, der mit einer List Goliath, den stärksten Krieger der Philister, tötet. Bemerkenswert ist vor allem der Mut Davids zu dem freiwilligen Angebot an seinen König in das Duell gegen Goliath  zu ziehen.

Ohne Schwert und Rüstung – er verzichtet darauf, weil er die Ausrüstung nicht gewohnt ist und sich nur schlecht damit bewegen kann - zieht er in den Zweikampf gegen voll ausgerüsteten Elite-Kämpfer. Noch bevor der mächtige Krieger auf Schlagdistanz herankommt, ergreift David ein paar Steine, spannt seine Steinschleuder, zielt präzise und schleudert die Steine zwischen die Augen Goliaths. Dieser kippt bewusstlos um. David ergreift die einmalige Chance, rennt heran, ergreift das Schwert des Kriegers und trennt ihm den Kopf ab.

Welche Aspekte waren entscheidend für Davids Sieg?

In Anlehnung an Linz (2004) Überlegungen zähle ich im Folgenden 2 zentrale Aspekte auf, die ich mit meinen eigenen Praxiserfahrungen verfeinere.

1. Mut und Unerschrockenheit

David stellte sich ohne Angst und aus freien Stücken dem Duell!

Aus psychologischer Sicht eine sehr wichtige Variable – ohne Mut funktioniert es nicht. Wie kann der Trainer seinen Spielern diesen Mut, dieses Selbstvertrauen, vermitteln bzw. wie kann er ihnen die Angst nehmen

 

In erster Linie ist es sinnvoll, die Probleme und Schwächen des Gegners offen zu legen, ihn verwundbar zu machen. Wo liegen seine Schwachstellen? Auf welchen Positionen habe sie ihre Probleme? Welche einzelnen Spieler sind fehleranfällig? Diese Strategie kann durch die Video-Gegneranalyse umgesetzt werden. Hier können sich der Trainer, Videoanalyst und Sportpsychologe eng miteinander absprechen, um ihre Spieler gezielt emotional zu beeinflussen. Die Macht der Bilder und Wörter kann hier voll auf die Reduzierung der Qualität des Gegners gelegt werden.

Selbstverständlich sollte die „gesteuerte“ Aufdeckung der Schwächen im Anschluss mit der Stärken-Analyse des Gegners relativiert werden. Damit meine ich, dass es zum einen aus spieltaktischen  Gründen und zum anderen die Glaubwürdigkeit vor der Mannschaft zu bewahren, sinnvoll ist, auch die Spielweise und Qualität des Gegners zu zeigen.

 

Allerdings bleibt das Prinzip zentral. „Umso häufiger ich Fehler und Schwächen von Goliath zeige, desto größer wird der Mut, die Überzeugung und das Selbstvertrauen Davids!“

Von Beispielen von Favoritenstürzen aus dem Fußball erzählen

 

Ob der Sensationssieg von Vestenbergsgreuth gegen den FC Bayern München, Aachen Sieg im Achtelfinale gegen München, Offenbachs Sieg im Elfmeterschießen gegen Dortmund oder das Wunder von Bern. Es lassen sich viele Beispiele finden, die sich auf die eigene Situation übertragen lassen.

Weniger das Endergebnis, sondern Zwischenetappen des Spiels betonen

 

Der psychologische Vorteil der Außenseiterposition sind die niedrige Erwartungen des Umfeldes. Weder die Fans noch die Medien erwarten einen Sieg. Was sie in den meisten Fällen erwarten, ist ein couragierter Auftritt, mehr nicht. Dagegen wird vom Favoriten erwartet, dass er gewinnt. Er MUSS gewinen. Und am besten noch schön spielen! Goliath steht unter Druck. Der Underdog kann völlig befreit aufspielen. Apropos Druck: Hier findet Ihr meinen Video-Workshop zum Thema "Umgang mit Druck und der eigenen Erwartungshaltung".

 

Es lohnt sich darüber nachzudenken, dass Spiel in Einzelphasen zu unterteilen. Denn so wird die große Aufgabe einfacher und machbarer gestaltet. Solche Zwischenetappen lassen das Vorhaben des Trainers realistischer erscheinen. So kann der Trainer für das übergeordnete Ziel in der Defensive "Dem Gegner Probleme bereiten" für die erste Halbzeit vorgeben, dass z.B.:

 

  • Die Mannschaft in den ersten 15 Minuten ein hohes Angriffspressing spielt um den Gegner zu überraschen und in seinem Spielaufbau früh zu stören. Zudem kann der Trainer ein offensives Gegenpressing verordnen, um im Optimalfall eigene Torchancen zu erzwingen.
    • (Wenn dies nicht gelingen sollte, kann der Trainer per Coaching in tiefere defensive Grundformation vorgeben.)
    • Gelingt dies, gilt die taktische Vorgabe sich ab Minute 15, etwas tiefer zu staffeln. Beispielsweise attackieren die Stürmer (9er und 10er) die Innenverteidiger erst ab der Mittellinie.

Dieser taktische Match-Plan untergliedert das Spiel in Einzelakte, welche Schritt für Schritt erreicht werden können – die Überzeugung an einen möglichen Sieg steigt. Einmal mehr zahle ich gerne 3€ in Phrasenschwein für die Fußballweisheit:

 

„Solange es 0:0 steht, wir geduldig und diszipliniert  unsere Teilziele verfolgen, desto nervöser werden sie. Es werden sich dann Chancen in ihren nervösen Momenten ergeben. Dann werden wir zuschlagen.“

 

Doch was passiert, wenn der Gegner mit 1:0 in Führung geht?

 

Durchsprechen von Worst-Case Szenarios "Prepare your response!"


„Was machen wir, wenn der Favorit dann doch mit 1:0 in Führung geht?“ Auch diese Möglichkeit sollte durchgesprochen werden - natürlich in erster Linie taktischer Natur. Einen Match-Plan auf mögliche Spielverläufe zu erstellen ist dabei eine wichtige Vorbereitung. Einmal mehr geht es um das Prinzip "Kenn ich, kann ich!". Den Wettkampf im Training zu simulieren, ist eine entscheidene Strategie für die Entwicklung eines tief verwurzelten kollektiven Selbstvertrauens. Oder mit den Worten eines Kampfpilotenausbilders: "Train as you fight!".

 

Naürlich werden wir es nie schaffen die Komplexität und Unvorhersehbarkeit des Spiels abzudecken.Demnach wird der Trainer auch immer situationsabhängig entscheiden müssen, was zu tun ist. Was er und seine Spieler vorher absprechen können, ist wie die neue Entscheidung der Taktikänderung kommuniziert wird (Coachingbegriffe, Kommando-Ketten etc.). Was in meinen Augen, und dank eines inspirierenden Gesprächs während der ASP-Konferenz, mit einem Pilotenausbilder mindestens genauso wichtig ist, ist die  

 

Wirkung der Körpersprache.


Hier stellt sich die Frage: „Wie wollen wir den Gegner empfangen, während er vom Jubeln zurück in seine eigene Hälfte kehrt?“, „Wollen wir mit hängenden Köpfen und Schultern dastehen oder aktiviert, bereit zum „Rückschlag“ in unseren Positionen mit breiter Brust und einem stechenden Blick stehen?“. Die Frage ist: Was wird der Gegner wohl erwarten und wie können wir ihn irritieren, ihn beeindrucken auch bei einem Gegentor?

2. Vertrauen in die eigenen Stärken - und diese Mentalität vorleben!

Der Trainer kann seine Überzeugung von dem eigenen Sieg vorleben. Ähnlich wie David fokussiert er sich allein auf das WIE, nämlich wie seine Mannschaft den auf dem Papier überlegenen Gegner schlagen kann. Der Fokus liegt allein auf dem Prozess. Thomas Gisdol, aktueller Trainer von der TSG Hoffenheim, lebt diese Prozessorietierung (zumindest) medial optimal vor: „Wie beschäftigen uns nicht mit dem Abstieg. Wir wollen wieder besser Fußball spielen, das ist unser Ziel.“.

 

Der Trainer sollte sich nicht mit dem Ergebnis und den möglichen Konsequenzen einer Niederlage beschäftigen, sondern auf die Lösungen und Strategien, wie dem Gegner richtig Probleme bereitet werden können. Wie weiter oben beschrieben, sollte er die Qualität des Gegners kurz würdigen, um seine Glaubwürdigkeit zu behalten – aber nur kurz und diese auch sofort zu relativieren (Bsp.: „Wenn man sie spielen lässt..“). Die Betonung liegt in erster Linie auf den eigenen Stärken! So wie David die ungewohnte Rüstung ablehnt und seine erprobte Steinschleuder bevorzugt, sollte der Trainer große Systemveränderungen ablehnenund stattdessen sich mit seiner Mannschaft auf ihre Spielweise und ihre Stärken fokussieren.

Welche Stärken können eine wichtige Rolle spielen?


An dieser Stelle empfehle ich nach fußballerischen und charakterlichen Stärken zu unterscheiden. Zu den fußballerischen Stärken zähle ich die Spielweise, die technischen und taktischen Schachzüge sowie konditionellen Fähigkeiten. Jeder Trainer kennt seine Mannschaft und ihre Qualitäten in diesen Bereichen. Vor allem bietet sich in diesem Kontext ein Rückblick an auf vergangene Spiele, in denen die Mannschaft ihre Qualitäten erfolgreich ausgespielt hat. Dadurch wird das Selbstvertrauen der Spieler in ihre Fähigkeiten gestärkt werden.

 

Bezüglich der charakterlichen Eigenschaften der Spieler kann sich der Trainer die Diskussion einleiten, welche Merkmale, Werte und Charaktereigenschaften das eigene Team vom Gegner unterscheiden. Selbstverständlich ist dieses Gespräch abhängig von der Teamentwicklung während der Saison. Daher lohnt es sich, schon frühzeitig über Werte und besondere Charaktereigenschaften der Mannschaft nachzudenken, um nicht bei 0 anzufangen. Beispielfragen können sein

  • Was unterscheidet uns vom Gegner?
  • Warum haben wir mehr Charakter als sie?
  • Welche Charaktereigenschaften werden uns im Spiel helfen?

 

Autor: Nils Gatzmaga

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Kommentare: 5
  • #1

    Age Tee (Montag, 13 Mai 2013 09:15)

    Sehr schön geschriebener Artikel!
    Besonders schön dargestellt: Punkt Zwei! Vertrauen in die eigene Stärke, in der Kombination mit der "eigenen Kontrollierbarkeit." Der Trainer und die Mannschaft hat es in der eigenen Hand zu entscheiden, wie der Auftritt der Mannschaft aussehen soll. Auch erlangen an solchen Abenden, Routinen und Rituale eine wichtige Rolle. Ein Pokalspiel, ob gegen Bayern München oder einen unbekannten 6.Ligisten bleibt immer noch ein Fußballspiel. Soll heißen: Vertrauen in automatisierte Prozesse ist wichtig. Vertrauen in Routinen ebenfalls. Ein falscher Ansatz wäre es meiner Meinung nach, vor dem Spiel viele Dinge anders zu machen( Veränderung von Pre-Match Routinen), als man sie normalerweise macht, nur weil vielleicht ein Bundesligist anwesend ist. Die Mannschaft und der Trainer weiß, was sie in "normalen" Spielen motiviert, was sie perfekt vorbereitet. Diese Gewissheit ist wichtig, denn aus ihr lässt sich Stärke gewinnen.

  • #2

    psychologie-fussball (Montag, 13 Mai 2013 10:03)

    Danke Age Tee für Deinen Hinweis! Auf jeden Fall teile ich Deine Ansicht in der Pre-Match-Routine keine wilden neuen Sachen auszuproboieren, sondern sich auf die einstudierten Automatismen zu berufen, gespickt mit dem einen oder anderen Impuls! Denn häufig bestätigt sich die Praxiserfahrung: "Weniger ist mehr"

  • #3

    Hallunke (Montag, 03 Juni 2013 18:30)

    Glückstreffer von David (...beim akromegalen Goliath mit Gehirntumor)! Unabhängig davon ist Zufall KAUSALBEDINGT! Das heißt einfach mal aus 20...30m auf's Tor schießen, wenn es keiner erwartet (entsprechende Kraft und Schußtechnik wie auch geschlossene Abwehrreihe vorausgesetzt).

  • #4

    psychologie-fussball (Dienstag, 04 Juni 2013 15:27)

    Danke Hallunke! Du nennst einen sehr wichtigen Aspekte: Den Überraschungsmoment, wenn keiner einen Schuss erwartet. Und genau das ist der Grund, warum der Ball dann einschlagen kann. Unerwartete Aktionen im Fußball - ich erinnere mich noch an die Buchumer Mannschaft in den 90ern, als Darius Wosz sich bei der Freistoßausführung mit seinem Mitspieler streitet, sich schimpfend auf die Mauer zubewegt, sie passiert und sein Mitspieler plötzlich den Ball über die Mauer hebt - leider hält der Torwart den Schuss von Wosz. An sich eine überragende Akion, den Gegner eiskalt zu überraschen!

  • #5

    Patrick R (Mittwoch, 03 September 2014 22:37)

    Prima Artikel! Kann die Erkenntnisse auch sehr gut für den Tennisbereich nützen! Vielen Dank!!