Drucksituationen im Training simulieren

Im modernen Fußball entscheiden meist nur wenige Aktionen das Spiel. Ein entscheidender Angriff reicht oftmals aus, um ein Spiel zu gewinnen. Gerade diese Situationen, wo ein Stürmer 1vs1 gegen den Torwart spielt oder eine flache Hereingabe von außen aus fünf Metern nur eingeschoben werden muss, können für ein Spiel Schlüsselszenen darstellen. Wie Ihr solche Drucksituationen im Training simulieren könnt, erfahrt Ihr in diesem Artikel!

Für psychologie-fussball.de berichtet Lars Holtmann, Trainer des Oberligisten VFL Halle 96:

 

Im Seniorenfußball sind Fußballer größtenteils technisch fertig ausgebildet, der eine besser der andere schlechter. Wenn man taktische Komponenten ausblendet, geht es darum, diese Technik im Wettkampf abzurufen und so in entscheidenden Situationen erfolgreich zu sein.

Wie werden diese Situationen simuliert?

Wettkampf und Training unterscheiden sich hinsichtlich einiger Faktoren. Äußere Komponenten wie z.B. Zuschauer und  Schiedsrichter sind im Training nicht gegeben. Punkte werden im Wettkampf und nicht im Training vergeben, so dass der Wettkampf sich von Natur aus unterscheidet. Das Training dient aber dafür sich auf den Wettkampf möglichst optimal vorzubereiten.

In dem Film „Sommermärchen“ von der WM 2006 stellt Hans-Dieter Hermann das sogenannte Prognosetraining vor. Die Spieler müssen in eine vorgebene Ecke (Prognose) einen Elfmeter schießen und spielen darum, wer wen beim Abendessen bedienen muss (Konsequenz).

Hermann versucht so durch die Vorgabe und die Konsequenz einen bestimmten Druck bei den Spielern zu erzeugen. Man kann nun diskutieren, ob dieser Druck vergleichbar ist mit einem Elfmeterscheißen in einem WM-Viertelfinale oder nicht, entscheidend ist aber dass die Spieler mit einer solchen Situation überhaupt im Vorfeld konfrontiert wurden, und ihnen diese Situation bekannt ist.

Welche Vorteile hat das Prognosetraining?

Wie oben beschrieben, werden die Spieler  einer Stresssituation ausgesetzt. Die Konsequenz im Spiel wäre z.B. zu verlieren wenn eine Reihe von Chancen nicht genutzt werden. Die Konsequenz im Prognosetraining sind z.B. Zusatzübungen. Entscheidend ist, dass es auch im Training eine Konsequenz gibt. Die Situationen sind also vergleichbar.

Hermann beschreibt in seinem Artikel „Psychische Belastungsreaktionen im leistungsorientierten Fußball - Übersicht und Trainingsmöglichkeiten“, dass von einer Stärkung der kollektiven Kompetenzerwartung auszugehen ist, wenn das Ziel des Prognosetrainings erreicht oder sogar übertroffen wird. Wird das Ziel nicht erreicht, hat der Trainer psychologische Ansatzpunkte, um mit seinen Spielern zu arbeiten.

Wie setzen wir das Prognosetraining ein?

Ich möchte hier auf die oben geschilderten spielentscheidenden Situationen zurückkommen.

  • Wenn wir das Passspiel in Verbindung mit dem Positionsspiel trainieren, bauen wir am Ende den Torschuss mit ein.
  • Wir lassen eine bestimmte Anzahl von Durchgängen laufen, bei denen die Spieler den Ablauf annehmen können und bei denen das Trainerteam noch taktische Korrekturen setzen kann.
  • Wir spielen diese Übungsformen fast immer ohne Gegenspieler, so dass einzig und alleine technische Fehler bewertet werden. Es wird dann eine Anzahl von bewerteten Aktionen vorgegeben, und die Spieler geben ihre Trefferquote vor.
  • Als Konsequenz gibt es eine konditionelle Aufgabe, wie Sprints oder Kraftübungen, die am Ende von den Schützen oder den Torhütern durchgeführt werden.

Ein Beispiel:

  •  5 Durchgänge mit einer Hereingabe von rechts und 5 von links, damit sind 10Tore möglich zu erzielen, 6 Tore müssen erzielt werden.

 

Trainieren wir im Positionsspiel, also mit vorgegebenen Positionen im Spiel, zählen auch alle technischen Fehler vor dem eigentlichen Torabschluss. Spielt also ein 6er einen Diagonalball, anstatt auf den äußeren Mittelfeldspieler ins Seitenaus, zählt der Durchgang  als Fehler. Diese Form ist eine komplexere Form des Prognosetrainings, ein Elfmeter wäre eine simplere Form.

Prognosetraining als roter Faden?!

Hermann schreibt in dem o.g. Artikel, dass zwischen einem Prognosetraining mehrere Trainingseinheiten liegen sollten, um einen Gewöhnungseffekt zu vermeiden. In der Praxis stellt sich nun zuerst die Frage, wie viele Trainingseinheiten einer Mannschaft überhaupt zur Verfügung stehen. Zweitens geht es um die Frage der Trainingsinhalte. Wahrscheinlich gibt es die Woche überhaupt nicht her jeden Tag Inhalte zu trainieren, bei denen ein Prognosetraining sinnvoll wäre.

 

Da wir vier-bis fünfmal die Woche trainieren, versuchen wir zum Ende der Trainingswoche das Prognosetraining durchzuführen, einerseits da wir den konditionellen Gesamtumfang  verringern und andererseits, um den Stressfaktor im Hinblick auf das Spiel zu vergrößern. Wir wenden das Prognosetraining also auch mal öfter pro Trainingswoche an und tendieren auch dazu, Spielformen mit Konsequenzen zu versehen. 

Autor: Lars Holtmann

Lars ist Trainer des Oberligisten VFL Halle 96 und studiert den Master Angewandte Sportpsychologie an der Martin Luther Universität in Halle. Der mentale Baustein spielt in seiner Arbeit mit der Mannschaft stets eine große Rolle.

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