Hart aber herzlich - Die Kunst des Trainerseins

Fußballalltag aus der Sicht von Trainern - Der neue Dokumentar-Film "Trainer!" Aljoscha Pause verschafft uns einen tiefen Einblick in den Arbeitsalltag eines Fußballtrainers. Mannschaftsansprachen und Teamsitzungen sowie viele persönliche Einschätzungen zeichnen ein interessantes Bild von Menschen, die permanent unter höchsten Druck der Öffentlichkeit stehen. Welche Anregungen könnt Ihr für Euch aus der Doku ziehen?

Aufmerksam wurde ich auf diese Doku über den Fußballpresseblog von fokus-fussball. Am vergangenen Montag, den 03.06., wurde der Film im WDR ausgestrahlt. Zurzeit könnt Ihr den 90-minütigen Film noch in der WDR-Mediathek streamen. Ein Interview mit Aljoscha Pause mit einigen Hintergrundinformationen zu seiner Arbeit mit den Trainern findet Ihr hier.

 

Zum Film:


Hauptakteure des Films sind 3 verschiedene Trainer aus der 2. und 3. Liga, die mit ihren Clubs am Anfang der Saison 2012/2013 stehen.

  • Frank Schmidt (1. FC Heidemheim)
  • Stephan Schmidt (SC Paderborn 07)
  • Andrè Schubert (FC St. Pauli)

Am Ende der Saison wird nur einer von ihnen noch am Spielfeldrand stehen. Dieses ernüchterne Ergebnis ist eine logische Folge des Fußball-Business, das in diesem Film aus der Trainersicht bewertet wird.

In meinen Augen ist der Film überragend, weil er a) unglaublich tiefe EInblicke in die Kabine zulässt, was ich in dieser Dimension vorher noch nie gesehen habe und b) er nicht die Arbeit der Trainer bewertet. Ganz dem Doku-Charakter ensprechend lässt Aljoscha Pause die Protagonisten zu Wort kommen. Ein Film, von dem wir alle etwas lernen können. Ob als Trainer, Sportdirektor, Spieler, Sportpsychologe, Fußballfan etc.

Große Offenheit und viel Vertrauen

Besonders hervorheben möchte ich die Offenheit und das Vertrauen von Frank Schmidt gegenüber dem Kamerateam; eine unübliche Geste, in einem knallharten Business, wo sich Trainer verständlicherweise eher abschotten. So zeichnet sich das Bild eines kommunikativen Generals, der mal hart und mal herzlich mit seinen Spielern umgeht. Leider hat sich die Heidenheimer Mannschaft am Ende nicht selber belohnt. Ich bin gespannt, wohin die Reise von Heidenheim und Frank Schmidt noch führt.

 

Im folgenden Text habe ich einfach einige Gedanken von den Trainern in Stichpunkten festgehalten, die Aufhänger für weitere Artikel sein können. Wenn Ihr mögt, könnt Ihr die Liste über die Kommentarfunktion weiter ausbauen oder mir Vorschläge machen, worüber ich schreiben soll.

Gedanken zum Trainerberuf und zum Umgang mit den Medien

Thomas Schaaf:

  • Ich kenne keine anderen Beruf, wo jeden Tag ein Zeugnis ausgestellt und bewertet wird. Du befindest dich jeden Tag unter öffentlicher Kontrolle.

Michael Oenninger und Andre Schubert:

  • Auch wenn es schwierig ist. Du musst Ruhe finden und darfst nicht getrieben vom Tagesgeschäft. Sonst läufts du in einem Hamsterrad. Du musst auch andere Dinge im Kopf haben.
  • Wir genießen es ja auch im Fokus zu stehen.

Jürgen Klopp:

  • Es geht nicht ums Fach. Es geht um Boulevard. Deshalb sollte man alles ein bisschen lockerer sehen. Inzwischen nähert sich sogar der Kicker mehr der Sport-Bild an, als die Sport-Bild dem Kicker.

Stephan Schmidt:

  • Es dürfen Fragen gestellt werden. Aber es darf nicht alles in Frage gestellt werden.
  • Ich werde in der ersten Liga arbeiten. Das ist Fakt.

Weitere Gedanken von Oenninger, Schubert, Schmidt und Wormuth

  • Der Trainerjob bedeuet Akribie, Leidenschaft und eine gewisse Aufopferung. Das Familienleben ist extremen Bedingungen ausgesetzt.
  • Unsere Psyche steht immer mehr im Vordergrund. Aber wir vernachlässigen den Kopf. Wir müssen auf uns hören, wenn es uns mental schlecht geht. Welche Ressourcen habe ich im Umfeld? Burn-Out zuzugeben ist eine Stärke, keine Schwäche.
  • Unsere Gesellschaft ist vielschichtiger, schneller und dynamischer geworden. Nach 2 Niederlagen steht du schon unter Druck. Wir geraten da in eine ausweglose Situation hinein, in einen Strudel.
  • Du kannst bislang eine überragende Saison gespielt haben und nach vier Niederlagen wird an deinem Stuhl gesägt.

Gedanken zu den Führungseigenschaften eines Trainers

Jürgen Klopp:

  • Fußballspieler sind Ansagen gewohnt. Sie brauchen klare Aufgabenstellungen.
  • Ich spreche viel mit meinen Spielern. Aber ich entscheide. Was meinst du dazu? Er hat 30 sec Zeit gehabt, sich eine Meinung zu bilden. Ich dagegen beschäftige mich die ganze Woche mit unserem Spiel.
  • Als Trainer musst du ständig wach sein, deine Spieler zu beobachten. Was sie bewegt. Was sie beeinflusst.

Frank Schmidt:

  • Du musst es vorleben, die Führung. Du gehst voran, deine Körpersprache zählt. Du bist Vorbild für ein mutiges, positiv-aggressives Auftreten.
  • Hoppla, das war extrem. Das bin ich eigentlich gar nicht. (Über Erkenntnisse aus der Videoanalyse seines Coachings-Verhaltens)

Stephan Schmidt:

  • Ich bewerte meine Mannschaft nach meinen eigenen Maßstäben.
  • Ich möchte eine natürliche Autorität sein - nicht autoritär.

Was mir sonst noch so aufgefallen ist...

  • Keine Neuigkeit, aber immer wieder anzutreffen:Kommunikationsprobleme, die mal leichter mal schwieriger zu lösen sind:
    • Trainer - Sportdirektor (Andrè Schubert - Rachid Azzouzi)
      • Gerade hier hatte ich (von außen betrachtet) den Eindruck, dass sich durch ein konstruktives Gespräch zwischen den Parteien eine Kompromisslösung hätte finden lassen können, um die Bedürfnisse beider Akteure fair zu berücksichtigen. Ziel sollte es nicht sein, beste Freunde zu werden, sondern einen gemeinsamn Weg zu finden, miteinander konstruktiv im Sinne des Vereins umzugehen.
      • Vetrauen und Wertschätzung sind zwei ganz entscheidende Faktoren im Trainer-Sportdirektor-Gepflecht. Ohne die Smpathie und Rückendeckung des Sportdirektors wird der Trainer kaum erfolgreich arbeiten können.
    • Trainer - Präsident (Stephan Schmidt - Wilfried Finke)
      • Sicherlich die schwierigste Situation, ein klärendes und lösungsorientiertes Gespräch zu führen, aus denen klare Absprachen hervorgehen, an die sich beide Parteien verbindlich halten.
    • Trainer - Mannschaft (Stephan Schmidt - Spieler vom FC Paderborn 07)
      • Nach seiner Entlassung werden Spielerstimmen laut, dass die Mannschaft ihr spielerisches Potenzial unter dem Trainer nicht abgerufen konnte - ein Nachtreten gegen Schmidt. Darauf weiß Deniz Naki nur zu antworten, dass die Spieler jederzeit zum Trainer hätten gehen können, um ihm ihre Sicht zu schildern.
      • Grundsätzlich kritisiere ich das "Nachtreten" gegen ehemalige Trainer oder Spieler. Allerdings können die Trainer einen wesentlichen Teil dazu beitragen, dass die Spieler vorher auf ihn zukommen. Wenn der Trainer es schafft, eine vertrauliche Gesprächskultur zu entwicklen, werden die Spieler im Vorfeld auf ihn zukommen. Ob er sich dann nach den Spielern richtet, ist eine ganz andere Frage.
      • Am Anfang steht das offene Ohr ohne die Spieler für ihre interne Kritik anschließend zu bestrafen. 
      • Allerdings braucht es für solche Kommunikationsformen auch Spieler, die a) bemüht sind, unabhängig ihrer eigenen Situation, das Mannschaftsspiel verbessern zu wollen und b) persönliche Kritik ernst nehmen und an sich arbeiten wollen.
      • Bei einem "Rudel" von 30 Fußballspielern wird der Trainer es kaum allen recht machen können. Unzufriedene Spieler wird es immer geben.

Praktische Anregungen

Zum Schluss noch zwei direkte praktische Anregungen zur Mannschaftsarbeit von Frank Schmidt, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind.

  • Einbeziehung von Führungsspielern in die Teamentwicklung
    • Szene mit dem Mannschaftsrat - In einer Szene beruft Schmidt den Mannschaftsrat zusammen um sie auf ihren Umgang untereinander hinzuweisen. Der Mannschaftsrat lebt den gegenseitigen Respekt vor. Schuldzuweisungen untereinander dürfen nicht vor der Mannschaft ausgetragen werden. Wenn es etwas zu klären gibt, dann intern, aber nicht vor der Mannschaft. Der Mannschaftsrat repräsentiert den Zusammenhalt.
  • Siegesritual - Mannschaftssong
    • Nach einem Sieg der Hoffenheimer Mannschaft klatschen und singen sie zusammen ein Lied des 1. FC Heidenheim. Dieses Ritual kann das Wir-Gefühl und den Zusammenhalt nach einem Sieg noch einmal stärker betonen, so dass sich alle Spieler mit dem Sieg und der Mannschaft identifizieren können. Wichtig sei dieser Stelle anzumerken, dass dieses Ritual vom Trainer zwar eingeleitet, von der Mannschaft aber geplant und freiwillig umgesetzt werden sollte.

Soviel zu meinen ersten Einfällen. Wie habt ihr den Film wahrgenommen? Was sind Euch für besondere Aussagen, Ansichten oder Aktionen aufgefallen? Wenn Ihr Lust habt, kommentiert den Artikel oder schreibt mir einfach eine Email an psychologie.fussball@gmail.com

 

Bildquelle:

"Coach Tjeerdsma" von Northwest Missouri State University

Autor: Nils Gatzmaga

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Lutz Schubbert (Sonntag, 09 Juni 2013 00:29)

    Hallo Nils!

    Vielen Dank für Deine Zusammenschrift des Films.
    Ich hatte mir ebenfalls ein paar Notizen zum Film gemacht. Abgesehen davon, dass der 1. FC Heidenheim bei mir sehr viele Sympathiepunkte gesammelt hat, ist eine solche Dokumentation in der Tat etwas besonderes und zeigt andere Trainer in ihrem täglichen Sein und gibt mir somit wieder einen neuen Blickwinkel.

    Aber hier mal meine Anmerkungen:

    Position als Trainer
    Ich meine herausgehört zu haben, dass ein guter Trainer im eigenen Interesse handelt, wenn er versucht die Spieler auch persönlich zu entwickeln. Ein gewisser familiärer Umgang sollte nicht fehlen, jedoch sollte auch genug Abstand zum Team bestehen. Es fällt der nette Begriff der "dienstlichen Distanz". Ich finde, dass dies kein Widerspruch ist, sonder eher auf eine gesundes und professionelles Miteinander schliessen lässt.

    -> Rituale scheinen für die Teamentwicklung wichtig zu sein (Kreis vor dem Spiel in der Kabine)
    -> Videoanalyse mit den Spielern, schafft Vertrauen in die Kompetenz des Trainers
    -> Vermittlung einer klaren Idee des Spiels(erinnert mich aktuell an eine NLP Geschichte die ich mal aufnahm; die drei Ks - Klarheit, Kontinuität, Kraft) und
    -> die Liebe zum Spiel.
    -> Mannschaftsrat (oder besser vom Teamrat sprechen?) in Überlegungen am Anfang der Saison informieren. Wichtig fand ich hier die Bitte des Trainers, wie der Teamrat mit anderen Spielern umgehen soll, wenn Unruhe aufkomme a) es wird viele Spiele geben, jeder bekommt seine Chance, b) es werden immer wieder Verletzungen sein und somit bekommt ein neuer Spieler wieder die Gelegenheit ins Team zu kommen, c) Leistungen beim Training werden honoriert. Aber, ist der Teamrat ein Gremium für den Trainer, oder für das Team? Ist ja schon wichtig, bei der Zusammenstellung. Auswählen, oder wählen lassen?
    -> Spielergespräche sind wesentlicher Bestandteil der Trainerarbeit (a) Wie sieht sich der Spieler ? (b) wie sieht der Trainer den Spieler?
    -> der Trainer sollte einer Fehlerkultur offen gegenüber stehen
    -> Heuchelei vermeiden! Natürlich ist das Verhältnis Trainer Co-Trainer wichtig. Jedoch sollte man von Beginn an mit offenen Karten spielen und doch offen eine Fallback-Startegie formulieren, dass in dem Fall eines Misserfolgs, der Co eine Alternative ist. Dazu las ich mal einen Text vom italienischen Nationaltrainer, der hinwies, dass in Italien die Trainer darauf vorbereitet werden, ihren Job zu verlieren. Zudem meine ein alter Hase im Trainergeschäft zu mir "Mit Deiner Unterschrift, verlässt Du den Verein! Es kommt nur darauf an, wie!"



    Eine weitere Frage ist, sollte der Kader vom Verein zusammengestellt werden, oder vom Trainer? Welche Strategie wird verfolgt?

    Vielleicht hast Du ja Bock auf die ein oder andere Anmerkung zu antworten...

    Ansonsten kann ich als Tipp noch die Überlegungen von Coach K hier lassen. Ich finde, in seinen Überlegungen sind sehr viele gute Tipps, für die Entwicklung eines Teams.

    Viele Grüße,
    Lutz

  • #2

    psychologie-fussball (Montag, 02 September 2013 19:39)

    Hey Lutz, danke für Deine vielen Anregungen und Ideen. Ich picke mir mal den Punkt "Wie gehe ich als Trainer mit dem Worst-Case-Scenario" im Vorfeld um". "Wie bereite ich mich vor?. "Welche Strategien greifen für den Trainer und den Verein, wenn der Erfolg ausbleibt?" Ich denke, dass wenn die verschiedenen Parteien/ Akteure im Vorfeld sich darüber ehrlich und sachlich austauschen, nimmt es einen gewissen Druck und Furcht vor diesem Worst-Case. Diese Worst-Case-Scenario-Technik greife ich u.a. im Artikel "Druck im Fußball starring Götze und Klopp" auf. Mir fehlt für den Trainerbereich allerdings Literatur. Du hast nicht zufällig den Artikel aus Italien auf Lager?