Wie vermittle ich meinen Spielern sich akiv gegenseitig zu coachen?

Coaching im Training und Spiel
Coaching im Training und Spiel

Am 02.06.2013 schrieb Markus:

Ich interessiere mich speziell für ein Thema bei meiner U 16 (Landesliga). Die Kommunikation auf dem Spielfeld während des Trainings und des Spiels ist viel zu wenig und wenn zu zögerlich. Sie geben sich untereinander keine klaren kurzen Anweisungen und Hilfestellungen ( Hintermann, Spiel schnell, Dreh dich, Spiel Doppel, hast zeit ...usw. ). Ich habe es ihnen schon so oft erklärt....es wird besser aber es ist noch nicht gut. Hast du da eine Idee wie ich es ihnen vermitteln kann ???

Meine Antwort

Das gegenseitige Coaching im Fußball ist in meinen Augen eine unglaublich wichtige Methode, welche die Qualität des eigenen Spiels maßgeblich bestimmt. Daher habe ich mich sehr gefreut, als die Frage von Markus kam, um mich dieser Thematik mal etwas ausführlicher zu widmen. Zum Anfang möchte ich den Begriff "Gegenseitiges Coaching im Fußball" aus meiner Sicht differenzieren.

Kategorien des gegenseitigen Coachings im Fußball

  • Taktisches Coaching im Fußball I
    • Situation: Ball im Spiel
    • Vermittlung von taktischen Informationen - einzel-, gruppen, teambezogen
    • Warum? Spielersicht beschränkt! 4 Augen sehen besser als 2 usw.
    • Ziel: Schnelle taktische (Re-) Aktion auf Situation im Spiel gegen/mit Ball, Verbesserung der Handlungsschnelligkeit durch zusätzliches Wissen über Raum, Gegner, Zeit etc. - Vorsprung gewinnen!
      • Typische Fußball-Kommandos: Dreh dich, Hintermann, Klatsch, Hast Platz/ Zeit, Doppel, Fallen lassen, Schieben, Jagen, Steuern etc. 
  • Taktisches Coaching im Fußball II
    • Situation: Ball aus dem Spiel - kurze Unterbrechung
    • Absprachen über taktische Feinheiten/ Änderungen untereinander, mit Trainer
      • Laufwege, Passwege, Schwachstellen des Gegners, nächste Aktion vorbereiten etc.
  • Emotionsorientiertes Coaching im Fußball
    • Eigene Mannschaft/ Mitspieler emotional unterstützen
    • Ziel: Optimale Zone der Emotionen für maximale Leistung konstant halten
    • Methode: Emotionen mit klaren Kommandos beeinflussen - (negative) Gedankenmuster von Mitspielern unterbrechen - Selbstvertrauen - Glaube an die eigene Stärke vermitteln - Konzentration aufs Spiel setzen
      • Ermutigen/ Aufbauen
      • Aktivieren/ Wachmachen
      • Ermahnen/ Dämpfen/ Runterbringen

Zurück zu Markus Anliegen - Taktisches Coaching im Fußball I

Ich greife die zwei wesentlichen Aspekte aus Markus Beschreibung heraus:

  • Die Spieler kommunizieren zu wenig.
  • Die Spieler kommunizieren zu zögerlich.

Im folgenden Text werde ich einen roten Faden zum Thema "Gegenseitiges Coaching" im Fußball" geben, aus dem sich jeder Trainer Anregungen für den spezifischen Leistungsstand seiner Mannschaft holen kann. Ich bin mir bewusst, dass ich Markus Frage nur "aus der Ferne" beurteilen kann und hoffe trotzdem ihm einige nützliche Tipps geben zu können.

Mögliche Ursachen

Aus meiner sportpsychologischen Sicht sehe ich drei mögliche Ursachen:

  1. Die Bedeutung des Coachings ist den Spielern nicht bewusst.
  2. Das, was gecoacht werden soll, ist nicht allen Spielern im gleichem Umfang klar, Dementsprechend sind die Spieler zurückhaltend bzw. zögerlich.
  3. Sie bewegen sich mir ihren "leisen Stimmen" noch in ihrer Comfortzone, da sie sich in ihrem pubertären Alter genieren, aus der Gruppe herauszustechen. Sie kennen die Wirkung von einer lauten, bestimmenden Stimme auf sich und andere noch gar nicht.

Direkt in die Praxis - Einführung - Wissen und Bewusstsein schaffen

Kleine Herausforderungen stellen!
Kleine Herausforderungen stellen!

Im ersten Schritt sollte es mEn darum gehen, 1) das Wissen über das gegenseitige Coaching im Fußball zu überprüfen und 2) ein Bewusstsein für die Bedeutung des gegenseitigen Coachings auf dem Platz zu schaffen. Erst wenn die Spieler den Wert erkennen und sich mit dem Coaching "identifizieren" können, werden sie tatsächlich mehr coachen. Wie schaffe ich also das Bewusstsein und wie kann ich überprüfen, was die Jungs schon wissen und was nicht?

  • Überprüfung des Ist-Zustands mit dem Soll/ Ideal-Zstand
    • Welche Beriffe kennen die Spieler? Was verbinden sie mit den Begriffen? Was verstehen sie darunter? Welche nutzen sie häufig? In welchen Situationen etc.
    • Schritt 1 - Wissen sammeln: Offene Fragerunden, Spieler schreiben persönlich auf (bessere individuelle Überprüfung)
    • Schritt 2 - Wissen abgleichen mit Anforderungen - Was brauchen wir an Coachingbegriffen für unser Spiel in Offensive/ Defensive?
      • Fußball-Coaching-Vokabular festlegen
      • Trainer- und Spieler-Input (Denn zu häufig vernachlässigen wir die Wahrnehmung der Spieler/ ihre Sicht der Dinge auf dem Platz.)
      • Begriffe niederschreiben - Hausaufgabe - Auswendig lernen  - Wiederholen - Aufsagen wie ein Gedicht vor dem nächsten Training
      • Fußball-Coaching-Zielvereinbarung aufsetzen
        • Wir wollen unser Coaching verbessern, weil ...
          • Einschätzung der bisherigen Leistung auf Skala 1-10.
          • Zielvorgabe in 2/4/8 Wochen
          • Gründe für das Coaching - Warum?
    • Methode: Gemeinsames Erarbeiten eigener Teamcodes fördert das taktische Verständnis, Aufmerksamkeit und Mannschafszusammenhalt.
  • Bewusstsein für Bedeutung des Coachings entwickeln
    • Kleine Spiele auf und neben dem Spiel ohne/mit Kommunikation
    • Anschließende Reflexionsphase: Was war der Unterschied? Was hat gut funktioniert? Wieso hat es nicht funktioniert? Wie können wir das auf den Fußball übertragen?
  • Visualisierung - In der Kabine sitzen, auf Platz liegend/ stehend
    • Szeanrio A: Fußballspiel ohne Worte/Kommunikation auf dem Platz
    • Szenario B: Fußballspiel mit Worten/Kommandos
    • Reflexion: Wie war das Gefühl? Wo habt ihr euch sicherer/ aktivierter/ wacher/ mutiger gefühlt?

Direkt in die Praxis - Hauptteil - Übungen auf dem Platz

Coaching in Übungen fordern!
Coaching in Übungen fordern!

Im Rahmen von normalen taktischen Übungseinheiten kann der Trainer zusätzliche Aufgabenstellungen hinsichtlich des gegenseitigen Coachings an seine Spieler verteilen bzw. das Coaching bewusst einfordern.

Das oberste Prinzip bei der Entwicklung des gegenseitigen Coachings ist "Ausprobieren, Korrigieren, Wiederholen, Korrigieren, Wiederholen, Wiederholen". Erst mit hohen Wiederholungszahlen kommen die Automatismen, nicht nur im Technik, sondern auch im Kommunikationstraining. Zudem halte ich es für angebracht "Vom Einfachen zum Schwierigen" bzw. "Vom Simplen zum Komplexen vorzugehen". Der Trainer kann also den Stress regulieren und den Schwierigkeitsgrad steigern, damit seine Spieler Schritt für Schritt lernen können.

  • Den Schwierigkeitsgrad mit verschiedenen Druckbedingungen steuern:
    • Kein oder passiver Gegner = weniger Stress --> Spieler kann Aufmerksamkeit auf das Coaching lenken
    • Umso besser das Coaching funktioniert, desto höher der Schwierigkeitsgrad - Aktiver Gegner
      • Weitere Stellschrauben: Raum- und Zeidruck, Aufgabenkomplexität (vom 4:2 zum 8:4 mit 4 kleinen Toren etc.)
    • WICHTIG: Der Trainer sollte kleinlich auf das Coaching achten, sowohl im positiven als auch negativen Sinne
      • Bei gelunger Coaching-Aktion direkt loben
      • Bei Fehlern sofort korrigieren (Bsp.: Frank Schmidt im Film "Trainer")
  • Soziales Lernen
    • Prinzip: Spieler bewerten ihren Coachingstil gegenseitig und geben sich Feedback
      • Wann hast du wie gecoacht? War war gut? Was war falsch? Worauf sollst du achten? etc.
    • 3 Gruppen: Gruppe A und B spielen gegeneinander 5:5, Gruppe C beobachtet
      • Variante: 2 Einwechselspieler = Beobachter und Feedbackgeber für die nächsten Einwechselspieler
  • Selbstbewusstes Coaching trainieren
    • Ziel: Coaching als "Waffe" zur Einschüchterung des Gegners nutzen
    • Methode: Aggressives vs. Sanftes Coaching durchspielen
    • Reflexion: Wie hat es gewirkt? etc.
  • Ursprüngliche Zielvereinbarung überprüfen - Fortschritt überprüfen - Neue Ziele setzen?

Soviel erstmal zu meinen Gedanken zur Frage von Markus. Wenn Ihr noch andere Ideen, Meinungen oder Anregungen habt, dann schreibt es in die Kommentare oder schickt mir eine Mail an psychologie.fussball@gmail.com

 

Autor: Nils Gatzmaga

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Kommentare: 5
  • #1

    Marc Niering (Freitag, 14 Juni 2013 15:31)

    Hallo Nils,

    ein interessantes Thema, zu dem ich mir deshalb mal kurz Zeit nehme und meine Erfahrungen schreibe :) Wie du sehen wirst ähneln sie sehr stark deinen Ausführungen und waren ein absoluter Erfolg.

    Ich habe im letzten Jahr ein 10 tägiges Trainingslager hauptsächlich für den Zweck des Teamcoachings untereinander verwendet.

    Angefangen haben wir mit einer Theorie Einheite in der die Mannschaft einen Katalog an Kommandos zusammengestellt hat.
    Wichtig hierbei war, dass einheitliche Kommandos für die ganze Mannschaft gelten und nichtmehr jeder wie er will spricht. Z.B. "MANN" anstatt "Hintermann" oder "Achtung"....und "FUß" für ein direktes Anspiel anstatt "Hier" oder "Ja" oder "Spiel".
    Zusammengefasst wurden dann ca 15 Kommandos auf einem Plakat.

    Weiter ging es dann mit der Umsetzung auf dem Platz. Hier waren immer wieder kleine Spiele ohne Gegner/Zeitdruck Thema, bei denen die Spieler nach Abspiel ein Kommando geben mussten, auf das entsprechend reagiert werden musste.

    Übungsbeispiel1: 20 Spieler, 5 4erTeams farblich markiert in einem Feld(erst breit, dann enger). 1Ball pro Team. Miteinanderspiel im Team mit den Hauptkommandos bei Abspiel "DREH","KLATSCH","DOPPEL","MANN" und beim Fordern des Balles "FUß","DURCH","LINIE","DIREKT".
    Der Trainer entscheidet nach jeder Runde(3-4min) subjektiv welches Team die Übung am Besten ausgeführt hat. Schnell wird den Spielern klar, dass hier nicht nur die richtigen Kommandos reichen, sondern diese auch lautstark kommen müssen, da der Trainer meistens das lauteste Team als subjektiv am erfolgreichsten empfindet. << Hier wird der Eindruck von lautstarken Spielkommandos auf den Gegner dann auch verdeutlicht.

    Natürlich folgten noch ein Vielzahl an Übungen in diesem Bereich...die obige war immer in unterschiedlichen Variationen das Aufwärmen.
    Als "Abschluss" des Trainings folgte oftmals folgende Übung, die den Spielern besonder viel abverlangte aber auch immens Spaß machte.
    Übungsbeispiel2: Doppelter 16er als Feld, 2Großtore mit Torhütern, 5er Teams farblich markiert. Turnierform jeweils 3-4min. Jeder passt muss mit einem Kommando "begleitet" werden, sollte ein Pass unkommentiert kommen, bekommt die Mannschaft einen kurzen Nachteil (z.B. 1Spieler für 20sec raus, 20sec lang nur 2Ballkontakte, Tore vom Gegner doppelt für 20sec etc)
    Auf diesen Nachteil muss sich die Mannschaft taktisch dann auch einstellen und mit klaren Anweisungen reagieren (z.B. in Unterzahl anders verteidigen etc).
    Durch die ständig wechselnden Drucksituationen ist diese Turnierform enorm intensiv und forder ein hohes Spieltempo.

    Als weiteren Bestandteil des Trainingslager haben wir uns jeden Morgen vor dem Frühstück getroffen und mit Tennisbällen ein paar Kommunikationsübungen gemacht. Die nachher auf dem Platz dann auch mit Fußbällen ausgeführt wurden.
    Beispielübung: Alle Spieler stehen im Kreis, 1 Tennisball(später 2-6), Spieler A wirft zu Spieler B und sagt während des Wurfes schon an zu welchem Spieler B jetzt schnellstmöglichst weiterwerfen muss.
    Hier wird die schnelle Orientierung und der Blickkontakt zum Mitspieler gefordert, was für eine optimale Kommunikation ebenfalls wichtig ist.
    Die Übung kann wie gesagt gesteigert werden, indem mehrere Bälle benutzt werden und zusätzlich die Spieler auf Trainerkommando Positionen durchwechseln(so muss man sich immer wieder neu orientieren wo sein Anspieler steht).
    Auf dem Platz mit Fußbällen ist die Übung noch deutlich schwieriger, da hier im Direktspiel agiert werden soll und mehr Zeitdruck besteht als bei den Tennisbällen.

    Wir haben am Ende des Trainingslager ein Testspiel gegen den Halleschen FC stattfinden lassen, in dem es nur darum ging die Inhalte des Trainingslagers auf den Platz zu bringen.
    Die Lautstärke und Häufigkeit von zielgerichteten Kommandos in diesem Spiel waren im Gegensatz zu vorherigen Spielen klar gesteigert. Wir haben das Spiel auch auf Video dokumentiert und für andere Mannschaften als "Trainingsziel" zur Verfügung gestellt.

    Ein sehr interessantes Thema, mit dem sich jeder Trainer mal befasst haben sollte!
    Du siehst es überschneidet sich viel mit deinen Ausführungen, denen ich auch aus der Praxis nur zustimmen kann :)

    Viele Grüße
    Marc

  • #2

    Marc Niering (Freitag, 14 Juni 2013 15:37)

    Stattgefunden hat das Trainingslager übrigens mit einer U17-Regionalliga Mannschaft.

  • #3

    Markus H. (Mittwoch, 19 Juni 2013 16:02)

    Hallo,

    Sehr interessante Sachen und Anregungen die ich hier aus diesem Thema mitnehmen kann.
    Für die neue Saisonvorbereitung werde ich versuchen einiges umzusetzen...

    Gruß Markus

  • #4

    Chris (Dienstag, 09 Juli 2013 10:14)

    Der wichtigste Punkt, den Nils anspricht, ist meiner Erfahrung nach das häufige Wiederholen. Selbst wenn alle Spieler ein Verständnis für das Coaching-Vokabular entwickelt haben, heißt das noch längst nicht, dass es auch angewandt wird.
    Nur durch ständige Wiederholung von Übungsformen in denen das Coaching explizit gefordert wird, z.B. Y-Passform (Klatsch oder Dreh), können Automatismen entstehen. Wenn wir ehrlich sind wollen wir auch nicht, dass die Spieler zu viel nachdenken und sich selbst daran erinnern müssen etwas zu sagen. Ziel ist es doch, dass die Spieler automatisch ein Kommando geben sobald sie eine entsprechende Situation erkennen. Hier liegt der zweite Punkt, der für hohe Wiederholungszahlen spricht. Je öfter ich eine ähnlich Situation durchlebt habe, desto schneller kann ich diese erkennen.

    Mein Tipp ist demnach: Nicht nach dem Prinzip fahren > "heute machen wir was zum Thema Coaching und morgen ist Torschuss dran", sondern Routinen schaffen, die Spieler in viele Situationen versetzen in denen sie coachen müssen, von der Erwärmung bis zum Abschlussspiel.

  • #5

    psychologie-fussball (Freitag, 06 September 2013 10:24)

    Per Telefon gab mir ein langjähriger Nachwuchstrainer einen sehr wichtigen Hinweis, worauf das Coaching sich grundsätzlich stützt - und diesen Gedankenaustausch will ich Euch nicht vorenthalten - zu wertvoll ist sein Einwand!

    Die Basis jeglichen Coachings ist die Spielidee, die taktischen Abläufe im Offensiv- und Defensivspiel. Erst wenn die Spieler die Spielidee taktisch verstanden haben (Laufwege, Passwege, Nachrücken etc.) und sie wissen, welche Aufgaben sie auf dem Platz haben und was ihre Mitspieler im nächsten Moment tun werden - erst dann ist die Basis geschaffen, sich gegenseitig zu coachen.

    Psychologisch gesehen würde ich vor allem das subjektive Empfinden von Sicherheit/ Kontrolle als wesentliche Variable herausheben, die den Spielern das Gefühl von Sicherheit und Selbstvertrauen gibt, andere zu coachen, weil sie ganz einfach wissen, welche Aktion wie im nächsten Moment(en) geschehen soll.