Passen Goethe und Fußball zusammen?

Foto - Mannschaft und Trainer vor Spielbeginn

„Es schlug mein Herz. Geschwind, zu Pferde!“ – Waren die einleitenden Worte eines jungen Nachwuchsfußballers am Ende der Team-Videoanalyse, die ich als DFB-Analyst mitgestalten durfte. Grund für das Aufsagen des Gedichts war sein Zuspätkommen am Vortage. So kam es, dass der junge Spieler sich dem sozialen Druck vor versammelter Mannschaft stellen musste. In meinen Augen eine super Sache um im Nachwuchsfußball Sanktionen spielerisch und gleichzeitig konsequent durchzusetzen.

Beim vergangen DFB U14 Sichtungsturnier in Bad Blankenburg bekam ich die Gelegenheit zwei Landesverbände als Videoanalyst zu begleiten. Nach den Spielen am Vormittag traf ich die Trainer zu Vorgesprächen der Videoauswertung und assistierte anschließend in den Teamsitzungen den Trainerteams. Da das Trainerteam der einen Mannschaft das angesprochene kreative Bestrafungssystem seit Längerem praktizierte, ergab es sich, dass ich Zeuge von drei künstlerischen Auftritten junger Nachwuchsspieler wurde. Im Rahmen von BBSDS („Bad Blankenburg sucht den Superstar“) wurden folgende Performances geboten:

  • Die Songs „Que Sera, Sera“ von Ray Evans und Jay Livingston und „Dieser Weg“ von Xavier Naidoo,
  • sowie das Gedicht „Willkommen und Abschied“ von Goethe.

Aus sportpsychologischer Sicht fand ich diese Form der Sanktionierung bemerkenswert. Denn gerade im Nachwuchsfußball stellt sich ja die Frage, welche Sanktionen der Trainer nutzen kann, damit die Spieler auch tatsächlich daraus lernen. Geldstrafen sind bei 14-Jährigen keine Antwort. Sicherlich können klare Worte im 4-Augen-Gespräch „Trainer-Spieler“ eine deutliche Wirkung erzeugen. Den Spieler aber vor der Mannschaft anzuschreien und mit dessen Angst zu arbeiten, ist in meinen Augen ein sehr negatives Beispiel. Im folgenden Text möchte ich daher den Fragen nachgehen:

 

  • Wie kann der Trainer einen längerfristigen Effekt erzielen?
  • Wie können die Mitspieler aus den Fehlern automatisch mitlernen?
  • Welche Strafen sind altersgerecht und angemessen?
  • Was sollte berücksichtigt werden, wenn der Trainer sich für ein Bestrafungssystem entscheidet?

Zunächst möchte ich mich der letzten Frage widmen: Was sollte berücksichtigt werden, wenn ich mich für ein Bestrafungssystem entscheide? Dazu orientiere ich mich an den Gedanken von Schliermann und Hülß (2008)

 

  • Der Trainer sollte ähnliche Regelverstöße bei allen Spielern gleich Bestrafen. Du wirst als Trainer unglaubwürdig (auch bei 14 Jährigen), wenn du das Fehlverhalten bei einigen Spielern durchgehen lässt, andere aber sanktionierst. Gerechtes und konsequentes Handeln sind in diesem Kontext wichtige Attribute.
  • Bestrafe deine Spieler ausschließlich aus inhaltlichen/ verhaltensbezogenen Gründen – niemals aus persönlicher Antipathie
  • Beteilige die Spieler am Festlegen der Strafen. Ein sicherlich diskussionswürdiger Punkt. Auf der einen Seite steht die Autorität des Trainers auf der anderen Seite die Mitbestimmung der Spieler. Ich denke, da hat jeder Trainer seinen eigenen Zugang gemäß seinem Führungsstil. Grundsätzlich würde ich empfehlen (altersunabhängig) die Spieler in bestimmte Mannschaftsregeln (z.B. über den Spielerrat) einzubeziehen. Zu welchem Grad ist situationsabhängig (Mannschaft, Saisonphase, Vorfälle, Trainerpersönlichkeit).
  • Vergewissere Dich, dass die als Strafe beabsichtigte Maßnahme auch wirklich als Strafe und nicht als Belohnung aufgefasst wird. Die Strafe muss von den Spielern auch wirklich als negativ empfunden werden.
  • Verhänge die Strafe ohne Aufsehen und Geschrei. Brülle deine Spieler nicht an oder beleidige ihn nicht persönlich.
  • Stelle den Spieler nicht vor den Mitspielern oder gar der Öffentlichkeit bloß. Der Respekt des Spielers muss gewahrt bleiben.

 

Theorie und Praxis - Wie kann es ablaufen?

Deutschunterricht im Fußball
Deutschunterricht im Fußball

Im oben beschrieben Beispiel tauchen einige wichtige Aspekte in Schliermanns Überlegungen wieder auf. Zudem schließt die künstlerische Bestrafung interessante Gesichtspunkte der Persönlichkeits- entwicklung und der Teamentwicklung mit ein.

 

Die drei Spieler werden gleichermaßen behandelt. Ihr Zuspätkommen wird vom Trainer inhaltlich bewertet und gleichermaßen bestraft. Dabei lässt der Trainer den Spielern zwei Optionen („Gedicht oder Lied singen“). Sie können selber bestimmen, was sie aufführen werden. Nun haben die jungen Spieler einen Tag bis zur nächsten Teamsitzung Zeit sich für den Auftritt vor der Mannschaft vorzubereiten. Der Trainer gibt ihnen also genug Zeit sich auf die Situation gedanklich vorzubereiten.

Im Anschluss an die (seriöse) Teamsitzung/ Videoanalyse leitet der Trainer mit einem Lächeln im Gesicht den Auftritt der Spieler ein („Bad Blankenburg sucht den Superstar“). Die Mitspieler fangen an zu lachen und zu feixen. Dem Zuspätkommer ist seine Nervosität deutlich anzumerken. Am liebsten würde er einfach sitzen bleiben. Es funktioniert: Die als Strafe beabsichtigte Strafe ist eine Strafe. Im Scheinwerferlicht des Beamers fängt der Spieler mit wackliger Stimme an zu singen. Gespannt lauschen Trainer und Spieler. Nach einer Strophe und dem Refrain gibt es einen donnernden Applaus.Der Spieler hat es überstanden und kann sich wieder setzen.

Nebeneffekte auf die Persönlichkeit und das Team

Der Spieler wird sich beim nächsten Mal zweimal überlegen, ob er zu spät kommt. Positiver Nebeneffekt: Als 14-Jähriger musste er sich einer pubertierenden Meute stellen und lernt damit im Prozess umzugehen. Er lernt die Gefühle von Scham und Scheu kennen und mit ihnen unter (sozialem) Druck umzugehen. Eine Lehre, die ihn auch in anderen Situationen weiterhelfen kann.

 

Doch nicht nur der Spieler hat aus dieser Strafe gelernt. Sondern auch die Mannschaft. Seine Mitspieler werden sich ebenfalls zweimal überlegen, ob sie zukünftig zu spät kommen werden.

 

Hinsichtlich der Teamentwicklung möchte ich betonen, dass die Gesangs- und Gedichtsauftritte als wichtiges, teameigenes Ritual verstanden werden können, das die Mannschaft zu einem Teil definiert. Dem Humor (gerade im Nachwuchsfußball) wird ebenfalls Platz eingeräumt. Gemeinsam zu lachen und Spaß zu haben sind wichtige Elemente, die die Spieler untereinander und mit dem Trainer in sozialer Hinsicht miteinander verbinden, Beziehungen aufbauen und Vetrauen schaffen können.

Autor: Nils Gatzmaga

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Kommentare: 2
  • #1

    Age Tee (Donnerstag, 18 Juli 2013 07:03)

    Jose Mourinho hat neue Spieler bei ihrer Vorstellung auch oftmals ein Lied vor dem Team singen lassen. Seine Intention war u.a., wenn ich mich richtig erinner, dass Spieler schnell etwaige Starallüren ablegen. Gleichzeitig erschafft ein solches Öffnen vor den Kollegen auch Vertrauen und Nähe. Genau wie in deinem Beispiel sehe ich das Vorsingen hier als spielerisches Tool das genannte Effekte erzielen kann.

  • #2

    psychologie-fussball (Montag, 02 September 2013 19:27)

    Danke Age Tee, dass Du die Idee auch in den Männer-Profi-Fußball übertragen hast. Ich stimme Dir/ Mourinho voll zu. Wenn es passt und geschickt moderiert wird, kann ein Liedchen ein wichtiges Mannschaftsritual, das alle machen, werden.