Unsere Analyse: Deutschland vs. Ukraine - Ein Sieg der Unberechenbarkeit und der Stärke der Führungsspieler

Ein offensiv unberechenbares DFB-Team (Die Mannschaft) gewinnt in ihrem EM-Auftaktspiel verdient mit 2:0 gegen eine insgesamt zu passive ukrainische Mannschaft, die jedoch in ihrer Drangphase kurz vor der Halbzeit potenzielle Schwachstellen der Deutsche Fußball-Nationalmannschaft aufdeckt. Dass am Ende der lange verletzte Kapitän Bastian Schweinsteiger mit seinem schönen Treffer nach einem klasse vorgetragenen Konter dem Sieg noch ein emotionales i-Tüpfelchen verpasste, kann der Mannschaft zusätzliche positive Energie verliehen und den Glauben gestärkt haben, Europameister werden zu können.

In unserer heutigen #em2016-Analyse gehen wir auf 3 Hauptfaktoren näher ein, um im Detail zu schauen, was schon ordentlich funktionierte, was noch besser werden könnte und welche Herausforderungen für Jogi Löw und sein Team noch zu bewältigen sind. Lest hier weiter!

Hauptfaktor 1) Eine extreme offensive Unberechenbarkeit als Folge einer maximalen Variabilität in der Offensive

 

Schon in den ersten 20 Minuten war die hohe Variabilität in der Offensive, von der wir in unserem Taktik-Artikel (weiter unten) bereits berichtet hatten, deutlich zu erkennen. Flexible Freilaufbewegungen und ständige Positionswechsel ergaben immer wieder Räume und Anspielmöglichkeiten, die eine Vielzahl von verschiedenen Angriffsmustern zur Folge hatten. Bildlich betrachtet, malt man seinem Gegner ständig Fragezeichen ins Gesicht, da er nie weiß, welchen Ablauf der nächste Angriff nehmen wird. Auffallend war zudem, wie viele unterschiedliche Spieler, einen Torabschluss hatten (z.B. Hector, Mustafi, André Schürrle, Thomas Müller, Toni Kroos, Sami Khedira, Mario Götze, Julian Draxler etc.). Dazu kamen der präzise getretene Freistoß von Kroos und der optimal getimte Kopfball von Shkodran Mustafi, was nach einem einstudierten Muster aussah und das Selbstvertrauen bestätigen und steigern kann, auch über Standards zu Torerfolgen zu kommen.

Ein weiterer Faktor der offensiven Variabilität ist die Konterstärke, wie beim vorentscheidenden 2:0 durch Schweinsteiger. Schließlich ist noch die Offensiv-Qualität in der Breite des Kaders zu nennen (z.B. Einwechselspieler Mario Gomez, Sané, Schürrle, Lukas Podolski), die es dem Gegner schwer macht, auszurechnen, wie Jogi Löw seine Spieler vor und während des Spiel positionieren und spielen lassen wird.

 

Unser erstes Zwischenfazit:

Deutschlands Offensiv-Qualität gehört zur absoluten Leistungsspitze bei diesem Turnier. Im Spiel mit dem Ball strahlt die ‪#‎dieMannschaft‬ viel Spiel- und Kombinationsfreude aus. Und noch viel wichtiger: Sie weiß, dass sie aus vielen unterschiedlichen Situationen heraus Tore schießen kann.


Was gilt es noch zu optimieren?

Die Absprachen und Abläufe im letzten Drittel könnten noch effektiver werden. In zu vielen Situationen war die (vor-) letzte Entscheidung nicht die richtige oder die Aktion wurde technisch unsauber ausgespielt („Der letzte Pass ist heute noch nicht so gut angekommen." ‪#‎nachbar‬ Boateng). Zudem konnte die deutsche Elf in der Drangphase der Ukraine kurz vor der Halbzeit keine Ruhe in das Spiel bekommen. Die Spiel- und Ballkontrolle funktionierten nicht, so dass die Ukraine zu einer Reihe gefährlicher Aktionen kam. Dies wurde in HZ 2 deutlich besser umgesetzt, in den es Passagen mit langen Ballstafetten gab, die an den Ballbesitz-Fußball von FC Bayern Münchens Guardiola erinnerten.

 

Hauptfaktor 2) Die Stärke der Führungsspieler verbunden mit einer gefestigten Führungsstruktur innerhalb des Kaders

 

In einer insgesamt ordentlich auftretenden deutschen Mannschaft konnte vor allem die Führungsachse um Manuel Neuer, Jérôme Boateng, Toni Kroos, Sami Khedira und am Ende Thomas Müller mit ihrem Auftreten und ihrer Leistung überzeugen. Neuer erinnerte nicht nur mit seiner überragenden Parade nach dem Kopfball, sondern auch in vielen anderen Situationen an die Ausstrahlung des Titanen Oliver Kahns bei der WM 2002, der maßgeblichen Anteil an dem Finaleinzug der deutschen Elf hatte. #Nachbar Boateng rettete in einigen brenzligen Situationen die deutsche Mannschaft vor einem Ausgleichtreffer und bestach darüber hinaus mit seiner Ruhe am Ball und seinen überragenden Diagonalbällen im Spielaufbau. Kroos war einmal mehr der Pass-Master und dirigierte das Spiel der Deutschen, vor allem in ersten Phase von HZ 1 und in HZ 2. Zudem gefiel er durch seine gefährlichen Distanzschüsse in HZ 2, eine Waffe, die gerade gegen tief stehende Mannschaften effektiv eingesetzt werden kann. Khedira war ebenfalls sehr präsent im Spiel gegen und mit dem Ball, was sich zum Beispiel in seiner Großchance nach Kroos genialen Pass zeigte. Und schließlich Müller, der den größten Teil des Spiels nicht so sehr auffiel, aber in den letzten 20 Minuten durch seinen unermüdlichen läuferischen Einsatz, sein Fordern von Zuspielen und seine präzisen Ablagen für seine Mitspieler eine Klasse-Mentalität zeigte.

 

Der Gänsehaut-Moment

Für den Gänsehaut-Moment des Spiels sorgte jedoch der Kapitän höchstpersönlich. Schon bei seiner Einwechselung unter dem frenetischen Jubel der deutschen Fans war zu spüren, dass dies nicht irgendeine Einwechselung vor, sondern die Einwechselung des Kapitäns, der mit seiner Mentalität die deutsche Mannschaft vor 2 Jahren zum WM-Titel führte. Das anschließende Tor wirkte wie eine Befreiung für Schweinsteiger, der seiner Freude sprichwörtlich freien Lauf ließ. Psychologisch gesehen, können solche positiv-besetzten Momente für den Spieler und die Mannschaft sehr starke Energie-Quellen sein, die eine Mannschaft durch ein Turnier tragen können.

 

Unser Zwischenfazit

Als vorläufiges Fazit lässt sich zur Führungsstruktur der deutschen Mannschaft sagen, dass es interessant sein wird zu sehen, wie Jogi Löw in den nächsten Spielen mit seinen Führungsspielern (v.a. Kapitän Schweinsteiger und Mats Hummels) umgehen wird. Beide haben den Anspruch Führungsspieler und Leistungsträger zu sein. Auch Mario Gomez dürfte den Anspruch haben, viele Einsatzminuten zu bekommen, für die dann andere Offensiv-Spieler zurückstecken müssten. Solche Szenarien, dass ein Führungsspieler und Leistungsträger aus taktischen Gründen auf der Bank sitzen muss, sind deshalb unvermeidlich. Dann kommt es darauf an, wie sehr die einzelnen Spieler ihre Einzelinteressen hinter das Teamziel stellen können und sich trotz ihrer Bankrolle positiv für das Team über das Turnier hinweg einsetzen.

 

Hauptfaktor 3) Das Wissen um die Anfälligkeit im Spiel gegen den Ball, wenn der Gegner Druck macht

So komisch es klingen mag, aber das Trainerteam dürfte über die Drangphase der Ukraine kurz vor der HZ froh gewesen sein. Klar, die Gegner haben eine Idee bekommen, wie man zu Torchancen gegen die deutsche Mannschaft kommen kann. Schnell vorgetragene Flügelangriffe mit vielen nachrückenden Spielern, die in den Strafraum eindringen und den Rückraum offensiv besetzen, könnten ein Mittel gegen die nicht eingespielte 4er-Kette der deutschen Elf sein. Allerdings sei hier die 4er-Kette etwas in Schutz genommen, da das Pressing der vorderen Reihen nicht optimal war und die Ukraine relativ einfach über die Flügel ihre Angriffe vortragen konnte. Daraus entstanden einige gefährliche Standardsituationen, die generell jedem Team eine Chance bieten, ein Tor zu erzielen. Bedingung: Man studiert die Abläufe bei Offensiv-Standards vorher ein. Und diesen Anschein hatten die Eckstöße der Ukraine.

 

Dennoch dürfte das Trainerteam froh sein, das Defensiv-Verhalten der Mannschaft unter Druck gesehen zu haben, da sie jetzt wissen, woran sie im Training mit Blick auf die nächsten Spiele arbeiten müssen. Und das ist auch zwingend nötig, denn die polnische Nationalelf wird mit ihrer beeindruckenden Offensiv-Qualität ein wahrer Prüfstein für die deutsche Defensive sein.

 

Abschlussfazit

Abschließend ist die realistische Einschätzung der deutschen Spieler kurz nach dem Spiel als positives Zeichen zu sehen, wonach sie wissen, dass sie zwar noch Steigerungsbedarf haben, aber der Sieg zum #EM2016-Auftakt, bei dem sich viele Turnierfavoriten eingangs schwer tun (siehe Frankreich), letztlich verdient war und sie viel Positives mitnehmen können. Dazu zwei passende Zitate von Sami Khedira und Toni Kroos:

 

Khedira: „Das war ein klassisches Auftaktspiel. Das Wichtigste war, dass wir drei Punkte geholt und das Spiel gewonnen haben. Wir müssen uns noch steigern, aber so ein Turnier ist ein Marathon, kein Sprint.“

 

Kroos: „Es ist sehr, sehr ordentlich gelaufen, wir haben ein ordentliches Spiel gemacht. In der ersten Halbzeit wäre ein Ausgleich nicht unverdient gewesen. Es ist wichtig, mit einem Sieg ins Turnier zu starten. Ich denke, dass uns das weiterträgt.“

 

Weiter so Jungs! Allez les "Noirs-blancs"!

Autor: Nils Gatzmaga

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