Unsere Analyse: Deutschland vs. Polen - Warten auf den "Odonkor Moment"

90 min disziplinierter Kampf und hohe Anstrengungsbereitschaft liegen hinter der deutschen Fußballnationalmannschaft. Am Ende steht ein 0-0 das Fragen aufwirft und dem einen oder anderen leichte Sorgen macht. Wie bereits nach dem 2-0 gegen die Ukraine fokussieren wir uns auf drei Hauptaspekte in der taktisch-psychologischen Analyse.

 

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Hauptfaktor 1) Defensive = Stabilität

Die deutsche Viererkette stand sehr gut und arbeitete hervorragend defensiv im Verbund. Auch die Außen um Thomas Müller zeigten eine klare defensive Steigerung und Samy Khedira als Sechser verrichtete einen guten Job im Zentrum. Dies ist insbesonders hervorzuheben, da Khedira bereits nach 2 Minuten mit Gelb verwarnt wurde. Es spricht für seine Klasse und seine Erfahrung 88 Minuten auf faire Weise abzuräumen und für Ordnung zu sorgen. Unordnung in der deutschen Abwehr kam massiv nur zu Beginn der zweiten Halbzeit auf, als Polen in RB Leipzig Manier vom Anpfiff weg die Zonen im Zentrum überfallartig überbesetzte und dadurch zur großen Kopfballchance durch Milic kam.

Hauptfaktor 2) Spielaufbau & Übergangspiel = sehr hohe Qualität

Aus der Abwehr herauskombinieren, mit langen Bällen einige Reihen überspielen und Ballsicherheit im Kurzpassspiel austrahlen - das sind gelebte Stärken und Ressourcen, die das Spiel der Deutschen auszeichnet. Dieses Spiel wird mit enormer Selbstverständlichkeit und Konsequenz durchgezogen und vorgelebt. Die Polen haben teilweise gestern versucht schon Neuer im Aufbauspiel zu pressen, jedoch ohne Erfolg. Spätestens seit der WM 2014 gehört dieser Spielstil zum absoluten Herzstück der deutschen Mannschaft und definiert diese in ihrer Herangehensweise. 2/3 des Platzes werden durch ausgestrahltes Selbstvertrauen und Glaube an die eigene Stärke so dominiert und obwohl der Gegner diese Mechanismen kennt hat er keine Chance diesen zu durchbrechen.

Hauptfaktor 3) Offensive = Theoretisch stark

Es liegt ganz bestimmt nicht an der individuellen Stärke und Qualität, dass den Deutschen die Abschlüsse fehlten. Viel mehr drängt sich von außen der Eindruck auf, dass es ein wenig an offensiver Variabilität mangelt. Zwar tauschten Müller, Draxler, Götze und co. häufig die Positionen, allerdings verändertet sich der offensive Matchplan selten. Die Ausrechenbarkeit der deutschen Offensive und das fehlende Umstellen taktischer Art und Weise auf eine Situation mit einem Stürmertyp a la Gomez in den letzten 15 Minuten schien der Mannschaft ungewöhnlich schwer zu fallen. Psychologisch erklären könnte man dies mit dem Phänomen Gewohnheit und Routine. Die WM 2014 wurde mit genau diesem Kombinationsfußball gewonnen und es ist die Art und Weise, welche Löw klar einfordert. Auch der FC Bayern München zeigt ähnliche Ansätze mit dem Unterschied, dass man mit Lewandowski einen Stürmertyp in den Reihen hat, der den deutschen fehlt. Sich ein wenig von der Routine lösen um Platz für alternative Lösungen offensiv zu schaffen könnte ein Schlüssel für offensive Variabilität sein. Deswegen lohnt ein Blick in die Anfänge von Löw beim DFB. 2006 wollten er und Klinsmann einen Außenstürmer haben, der mit Tempo die Außenbahn schnell macht und so für neue Räume sorgen könnte. Odonkor erfüllte diese Rolle gegen Polen extrem gut und war der Garant für den Sieg im zweiten Gruppenspiel. Auch dieses Jahr hat Löw mit Sane einen jungen, pfeilschnellen Flügelstürmer im Kader, der als belebendes Element wirken kann. Möglicherweise werden wir in den nächsten Spielen eine offensiv neu ausgerichtete deutsche Mannschaft erleben.

An dem Schlüssel zur Schatztruhe wird noch ein wenig gefeilt ;)

Weiter gehts Jungs! Allez les Noirs-Blancs!

Autor: Henning Thrien

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