Unsere Analyse: Deutschland vs. Nordirland – Ein Sieg mit Flow-Momenten und der Hunger auf mehr

Das DFB-Team (Die Mannschaft) gewinnt hochverdient mit 1:0 gegen überforderte Nordiren. Die taktischen Umstellungen von Löw und seinem Trainerteam gehen auf: Deutschland erspielt sich durch viele schöne Kombinationen eine Vielzahl an Großchancen - vieles gelingt wie im Fluss (‪#‎flow‬); beim Torabschluss hapert es allerdings noch an Nervenstärke, Präzision und dem nötigen Fortune.

 

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Auch dieses Mal wollen wir unsere #em2016-Analyse an drei Hauptfaktoren aufhängen, die uns aus psychologischer Perspektive aufgefallen sind:

Hauptfaktor 1) Kollektive Flow-Momente in der Offensive

Flow im Sport bezeichnet psychische Zustände im Sport, in denen alles wie von selbst läuft, ohne groß drüber nachzudenken. Bewegungen und Kombinationen funktionieren wie im Fluss ohne Störungen. Die Aktionen laufen ganz selbstverständlich und nahezu automatisch ab. Im Fußball können auf mannschaftlicher Ebene solche Flow-Zustände immer mal wieder für kurze Momente / Phasen auftauchen; gerade in der Offensive, wenn das Zusammenspiel untereinander über mehrere Stationen hinweg nahezu perfekt abläuft (perfektes Timing in Laufwegen und Zuspielen, saubere Ballan- und mitnahmen).

 

Solche Momente waren vor allem in HZ 1 immer wieder bei der deutschen Mannschaft zu beobachten und führten zu zahlreichen Großchancen. Ein wiederkehrendes Merkmal der deutschen Offensive war die hohe Variabilität, wie Torchancen im letzten Drittel erspielt werden sollen: flaches Kombinationsspiel mit schnellen Zuspielen in die Tiefe und ; Flügelspiel mit Flanken der hochstehenden AV und einem besetzten Zentrum; Flugbälle der IV ins Sturmzentrum für Ablagen. Viele Aktionen funktionierten wie einstudiert, was auch Thomas Müller später im Interview bestätigte: „Wir haben das umgesetzt, was wir trainiert haben.“

 

Bei all den positiven Momenten in der Offensive (und der anschließenden übertrieben überschwänglichen Berichterstattung) sei hier jedoch angemerkt, dass a) Nordirland einen schlechten Tag in der Defensive erwischte (außer der TW) und b) die Umstellungen in der Offensive (Mario Gomez und Mario Götze von Anfang an; Joshua Kimmichs Einsatz als offensiver RV) sehr gegnerorientiert gewählt wurden. Es war im Vorfeld damit zu rechnen, dass Nordirland tief stehen und nicht die Kontergefahr wie Polen ausstrahlen würde, so dass ein bewusst offensiv ausgerichtete Formation gewählt wurde. Gegen stärkere Gegner mit deutlich mehr Offensiv-Power kann die Aufstellung schon wieder anders aussehen. So werden zum Beispiel die Defensiv-Qualitäten von Benedikt Höwedes als defensiver RV sicherlich wieder eine Rolle in den Gedanken von Löw und seinem Trainerteam spielen.

Hauptfaktor 2) Der psychologische Effekt des Gruppensieges und der Hunger auf mehr

Das (Ergebnis-) Ziel der deutschen Mannschaft war es, die Gruppe zu gewinnen. Dieses realistische, aber auch herausfordernde Ziel wurde erreicht. Dies kann einen direkten Einfluss auf das Selbstvertrauen der Mannschaft haben, weil es die eigene Qualität und den eigenen Anspruch bestätigt. Auch das (Prozess-) Ziel / die Art und Weise, wie Deutschland defensiv und offensiv auftrat, kann in größten Teilen als ordentlich erfüllt angesehen werden: die Defensive stand gegen die gefährliche Konterstärke der Polen stabil; die Offensive war gg. die Ukraine und Nordirland sehr variabel und gefährlich. Diese positiven Aspekte gilt es jetzt in die KO-Runde mitzunehmen.

 

Dabei spielt nicht nur die Wirkung nach innen auf das eigene Selbstvertrauen eine Rolle, sondern auch die Wirkung nach außen, nämlich die anderen Mannschaften / Favoriten, die von der Defensiv-Stärke (kein Gegentor) und dem variablen Kombinationsspiel der Deutschen beeindruckt sein werden.

 

Ausbaufähig dagegen ist die Effizienz vor dem Tor. Vor allem im Nordirlandspiel ließen die deutschen Spieler viele aussichtsreiche Chancen liegen, was sich bei einem Vorsprung mit nur einem Tor immer rächen kann. So fiel auch das Fazit von Joachim Löw aus, der mit der Chancenverwertung nicht zufrieden war: „Wir müssen zur Halbzeit mit 3:0 oder 4:0 führen.“ Die Unzufriedenheit ist nachzuvollziehen, weil es Deutschland fast leichtfertig aus der Hand gegeben hätte, Gruppenerster zu werden. Hätte Polen im Parallelspiel mehr Tore gegen die Ukraine geschossen, wäre Polen Gruppenerster geworden und hätte gegen einen Gruppendritten gespielt. In Anbetracht der vielen vergebenen Torchancen wäre es für Deutschland mehr als unnötig gewesen, nur als „Gruppenzweiter“ ins Achtelfinale einzuziehen.

 

Was bleibt, ist der Hunger auf mehr und der Anspruch, die nächsten Torchancen effizient zu nutzen. Charakteristisch dazu waren die Aussagen von Müller nach dem Spiel, dass er in diesem Spiel mit den 3 Toren von Gareth Bale hätte gleichziehen können. Dieser positive Ehrgeiz wird Thomas Müller weiter antreiben, sich sein erstes Turniertor zu erarbeiten. Auch Mario Götze hätte wohl noch gerne länger gespielt, um endlich sein ersehntes Tor zu schießen. Wie wichtig ein Tor für einen Stürmer sein kann, sah man an der gelösten Stimmung von Mario Gomez im Interview nach dem Spiel.

 

Aus sportpsychologischer Sicht ist es beim Thema "Torflaute bei Stürmern" wichtig, dass der Gedanke „noch kein Tor geschossen“ nicht 24h Thema im Kopf eines Stürmers ist, da das schnell zur Verkrampfung und zu zweifeln führen kann. Mentales Vorstellungstraining von positiven Szenen, gefüttert mit Videobildern von eigenen Toren, kann hier das (Torabschluss-) Training positiv unterstützen. Wie solch ein Vorstellungstraining funktioniert, werden die Tage am Beispiel von Robert Lewandowski zeigen.

Hauptfaktor 3) Das Selbstvertrauen von Joshua Kimmich als Folge funktionierender Führungsstrukturen innerhalb der Deutschen Mannschaft

Kurz vor Beginn von HZ 2 war zu sehen, wie Müller noch einige Instruktionen an Kimmich richtete. Diese Situation kann als charakteristisch für den positiven Umgang untereinander im deutschen Team gesehen werden; speziell der Umgang mit jungen Spielern. Die (älteren) Führungsspieler wissen um die Stärken der jungen Spieler und wie sie dem Team helfen, wenn die jungen Spieler ihre Leistung unter Druck abrufen können. Deshalb ist sehr stark davon auszugehen, dass v.a. die Führungsspieler sich bewusst um die jungen Spieler im Trainingscamp und am Spieltag kümmern, um ihnen ein gutes Gefühl zu geben. Das kann über motivierende, aufbauende Gespräche passieren oder/und taktische Hilfestellungen. Auch Benedikt Höwedes wird Kimmich insofern unterstützt haben, als dass er ihn keinen Neid spüren ließ, sondern sein Ego in den Dienst der Mannschaft stellte. Die gute Einbindung von Kimmich ins Offensivspiel und sein unbekümmerter selbstbewusster Auftritt können daher als Bestätigung der funktionierenden Führungsstrukturen in der deutschen Mannschaft gedeutet werden.

Unser Fazit

Nichtsdestotrotz: Das Nordirland-Spiel und die Gruppenphase sind vorbei. Der nächste Gegner wird die deutsche Mannschaft vor neue Aufgaben stellen, auf die sich das Trainerteam und die Mannschaft auf ein Neues gut vorbereiten werden. Spannend wird sein, ob und wann der Torknoten bei Müller und Götze (und auch Özil) platzen wird, denn wenn das passiert, steigen die Chancen noch einmal deutlich, sehr weit im Turnier zu kommen.

 

Weiter geht’s Jungs! Allez les "Noirs-blancs"!

Autor: Nils Gatzmaga

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