Unsere Analyse: Deutschland vs. Slowakei - Das Puzzle fügt sich weiter zusammen

Wenn wir bei der gestrigen Thematik der Puzzleperspektive aus unserem Vorbericht auf das EM-Achtelfinale bleiben, dann hat die deutsche Mannschaft wichtige Puzzleteile in ihrem Spiel gesammelt und erfolgreich in das sich füllende Puzzle eingesetzt.

Klassischerweise fokussieren wir uns in unserer Analyse auf drei psychologische Hauptkriterien, die bei dem erfolgreichen Auftritt der Mannschaft herausstachen.

1) Ganzheitlicher Teamgeist

Als nach dem WM-Titel 2014 die Mannschaft in Berlin begrüßt wurde, schritten sowohl die Spieler und Trainer, als auch die Betreuer, Physios und Ärzte auf die Bühne am Brandenburger Tor. Damals konnte man an dem gemeinsamen Miteinander greifen, wie umfassend der Teamgedanke in der deutschen Nationalmannschaft ausgeprägt sein muss. Auch bei dieser EM drängte sich ein ähnliches Bild auf dank Statements von u.a. André Schürrle und Benedikt Höwedest. Jérôme Boateng lieferte gestern nach seinem Tor einen bildlichen Beweis dafür, wie weit sich die deutsche Mannschaft von Superstar-zentrierten Teams wie Schweden oder Portugal abhebt(missbilligende Blicke und Gesten nach Fehlpässen u.a.). Boateng bedankt sich beim medizinischen Stab für die unermüdliche Arbeit an seiner verletzten Wade. Die Message, die dieses Bild sendet ist eindeutig: Wir alle haben ein Ziel und arbeiten gemeinsam dafür; das Team steht über al

2) Özils Fehlschuss aus 11m

Es gibt kaum ein Thema im Fußball, dass gründlicher wissenschaftlich untersucht ist, als der Elfmeterschuss. Studien zeigen übereinstimmend, dass die höchste Wahrscheinlichkeit auf ein erfolgreiches Ergebnis immer dann vorliegt, wenn der Ball unter die Latte in eine der beiden Ecken befördert wird. Die Chancen des Keepers erhöhen sich immer dann, wenn sich der Schütze sein Ziel halbhoch setzt. Özil besitzt die technischen Fertigkeiten den Ball auch genau dort hoch in der Ecke zu versenken. Er konnte diese im Spiel gestern zu einem relativ drucklosen Moment (1:0 Führung und haushohe Überlegung) nicht funktional einsetzen. Dies könnte ihn möglicherweise dazu bringen in den nächsten Tagen Extraeinheiten zu schieben (siehe unsere Link auf Nike Football Vizualisation) um wieder ein gutes Gefühl am Punkt zu bekommen. Was für Mesut Özil und seine Persönlichkeit auf dem Platz spricht ist seine Leistung im verbleibenden Spiel. Trotz eines möglichen Frusts arbeitete er weiter unermüdlich (sichtbar durch seine Genialität im Passspiel und Präsenz im Offensivspiel ) und hatte eine weitere sehr gute Abschlussaktion. Fazit: Erfolgreich die Negativerfahrung durchlebt und gestärkt weiter gemacht.

3) Löws Gespür für die Mannschaft

Für viele Fans und Medienvertreter kam der Wechsel von Julian Draxler für Mario Götze sehr überraschend. Götze machte ähnlich wie Müller in den vergangenen Spielen viele wichtige Laufwege für das Team und kreierte gute Toraktionen. Draxler konnte offensiv im Spiel gegen Polen nicht seine typischen Akzente (mit Tempo das 1:1 suchen, von den Außenposition mit Schnelligkeit ins Zentrum ziehen u.a.) setzen.

Doch Löws Vertrauen in- und sein Gefühl für- die Spieler hat sich gestern einmal mehr bewährt. Draxler belebte die linke Offensivbahn und konnte dem gestrigen Spiel seinen Stempel aufdrücken. An dieser Stelle soll einigen Medienberichten entschieden widersprochen werden: Dieser Wechsel von Draxler und Götze ist definitiv kein Indikator dafür, dass Löw sich nun festgelegt hätte auf eine erste 11 in diesem Turnier. Viel mehr bestätigt dieser Wechsel Draxler-Götze, sowie unter anderem auch die Hereinnahme von Podolski die Ansicht, dass der Bundestrainer immer wieder kleinste Puzzleteile verschiebt, überprüft und bewertet. Die mannschaftlichen Strategien und die individuellen Matchpläne (Matchplan stellt sich aus einem Mix aus eigener Stärkenanalyse und gegnerspezifischer Herangehensweise zusammen) sind in der heutigen Zeit sehr komplex und situativ variabel. Löw versteht es sein Team immer wieder hervorragend auf situative Gegebenheit einzustellen und an gewissen Punkten Veränderungen in der Startelf vorzunehmen. Hier zeigt sich bei Löw eine hohe Weiterentwicklung in puncto Mut, Weitsicht und Individualität im Vergleich zur EM 2012, als er nach eigenen Angaben Fehler in der Aufstellung/Herangehensweise auf das Spiel gegen Italien zugab.

 

In diesem Sinne,
auf ein spannendes Viertelfinale!

 

Euer Henning Thrien

 

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