Unsere Analyse: Deutschland vs. Frankreich - Vom fehlenden Quäntchen Glück und einem DFB-Team, das mit großer Mentalität und Teamgeist beeindruckte!

Leider schreiben wir heute unsere letzte psychologische Analyse zu einem Spiel der Deutschen Nationalmannschaft bei der ‪#‎em2016‬. Bei all der Enttäuschung über das Ausscheiden nach einem sehr emotional aufwühlenden Spiel wollen wir zunächst unsere Glückwünsche an die Équipe de France de Football richten:

 

Respekt und Anerkennung für eure Leistung! Ihr habt als Mannschaft alles gegeben, habt um jeden Zentimeter gekämpft und habt eure Chancen eiskalt genutzt!

 

Doch richten wir nun den Fokus auf das Spiel der deutschen Mannschaft.

 

 

 Dabei konzentrieren wir uns vor allem auf die wesentlichen Fragen bezüglich des Spiels. Mit unserem Fokus auf das Spiel wollen wir uns auch von den vielen kritischen Stimmen von Journalisten und vermeintlichen Experten distanzieren, die das Ausscheiden auf Fehler von Joachim Löw, fehlende individuelle Qualität und sogar ein Versagen des DFB-Ausbildungssystems zurückführen wollen. Denn solche Aussagen werden dem erfrischenden und selbstbewussten Auftreten der Deutschen Nationalmannschaft im gestrigen Spiel und im gesamten Turnier nicht gerecht und sind nur Ausdruck einer Kritik-„Kultur“, die um jeden Preis mit polemischen und unsachlichen Meinungen auffallen möchte. Denn eins ist klar: Mit etwas Glück hätte das Spiel genauso gut für die Deutsche Nationalmannschaft ausgehen können. Dann hätten ein Großteil der heutigen Mecker-Fraktion Beifall geklatscht sowie die Mannschaft und den deutschen Fußball in den Himmel gelobt.

An dieser Stelle sei einmal mehr die unglaublich wichtige Eigenschaft von erfolgreichen Trainern betont, den Erfolg einer Mannschaft nicht an den maximal möglichen Ergebnissen zu messen, sondern langfristig die Entwicklung der Spieler und der Mannschaft zu fördern und eine eigene Idee des Fußballspiels und der Mentalität konstant durchzusetzen. Dabei ist eine Niederlage in der KO-Situation im EM-Halbfinale gegen den Gastgeber nie auszuschließen, selbst wenn Cristiano Ronaldo, Antoine Griezmann oder Gareth Bale für uns stürmen würden. Doch nun zum ersten Faktor unserer Analyse:

Umsetzung der eigenen Spielidee

Nach der ersten Angriffswelle Frankreichs kontrollierte die deutsche Mannschaft den Gegner, den Ball und das Tempo. Frankreich musste sich sehr tief zurückziehen, um einigermaßen Zugriff auf das deutsche Angriffsspiel zu haben. Dennoch gelang es der Offensivreihe immer wieder geschickt miteinander zu kombinieren, so dass trotz einer tiefstehenden französischen Abwehr einige aussichtsreise Torgelegenheiten heraussprangen. Mit etwas Glück hätte der Schiedsrichter in der 20 Minute Pogbas Tritt gegen das Schussbein von Toni Kroos im 16er als Foul im 16er gewertet – eine diskussionswürdige Szene, die in der Nachbetrachtung völlig untergegangen ist. Wie gesagt, Deutschland dominierte Frankreich zu größten Teilen in HZ 1. Und das, obwohl die Mannschaft in einer neuen Formation, mit Emre Can als zusätzlichem Zentrumspieler, Benedikt Höwedes als 2. Innenverteidiger und Thomas Müller als vorderste Spitze, auflief. Doch genau diese Herangehensweise spiegelt die in der Löw’schen Spielphilosophie implementierte Variabilität wider. Er fordert und fördert seine Spieler, unterschiedliche Positionen in verschiedenen System spielen zu können. Die erste Halbzeit kann als Beleg dafür genommen werden, dass ihm dies mit dieser Mannschaft zum größten Teil gelungen ist.

 

Allerdings kann sich auch die beste Umsetzung einer Spielidee nicht gegen unglückliche Aktionen wehren. Wahrscheinlich wäre die Partie anders verlaufen, wäre Frankreich nicht in Führung geraten. So aber konnte Frankreich sich noch tiefer zurückziehen, die Deutsche Mannschaft locken und auf Konter spekulieren.

Teamgeist, Mentalität und der Umgang mit Rückschlägen vor und im Spiel

Es war beeindruckend zu sehen, wie die Deutsche Mannschaft mit Teamgeist, Kampfgeist und Leidenschaft von Anfang bis Ende (+Nachspielzeit) alles versuchte, noch ein Tor zu erzielen. Wir könnten jetzt eine ganze Reihe an nennenswerten Szenen aufzählen, was die Analyse aber noch länger machen würde. Stattdessen analysieren wir dafür stellevertretend die vier folgenden Situationen:

  • Es spricht für den Teamgeist und die Mentalität, wenn eine Mannschaft auch nach Rückschlägen nicht aufsteckt, sondern jeder Einzelne weiter versucht, mit den verbleibenden Stärken der Mannschaft, das Spiel zu gewinnen. Man kann die Ausfälle von Mats Hummels, Mario Gomez und Sami Khedira vor dem Spiel als Rückschläge bezeichnen, auf die die Mannschaft + Trainerteam eine Antwort hatte, siehe Dominanz in HZ 1. Auch nach dem Jérôme Boateng-Ausfall und dem 0:2 steckte die Mannschaft nicht auf und erspielte sich weitere Torgelegenheiten bis in die Nachspielzeit rein. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wie sich das Spiel entwickelt hätte, wenn der Ball von Joshua Kimmich mit etwas Glück im Knick gelandet wäre.
  • Es spricht für den Teamgeist und die interne Kommunikation unter den Spielern, wenn ein Spieler, wie Can, der noch keine Minute bei dieser EM auf dem Platz stand, nach kleinen Startschwierigkeiten ins Spiel findet, seine Rolle als Stabilisator ausfüllt und seine Stärken in punkto Durchsetzungsfähigkeit und Präsenz demonstrieren kann.
  • Die Präsenz und Ausstrahlung des Kampfgeistes der deutschen Spieler war deutlich spürbar. Die entschlossene Grätsche von Höwedes, als er Boatengs Fehler ausbügelte, und sein anschließendes Kommando an seine Mitspieler, konzentriert zu bleiben, war nur ein Zeichen von vielen. So auch der Ärger von Can in Richtung Schiedsrichter, wo Müller energisch dazwischen gehen musste. Auch die Aufgebrachtheit von Mesut Özil über den Handelfmeter, die ihm eine gelbe Karte bescherte. Oder auch die aggressive Grätsche von Julian Draxler gegen Sissoko. Und schließlich die Reaktion von Kimmich, nach dem mitverschuldeten 0:2 in bester Führungsspieler-Manier nach vorne zu marschieren. Alles Zeichen von Kampfgeist, den die Spieler bis zum Ende vorlebten.

Fazit

Am Ende steht aber das 0:2 als das bittere Ergebnis eines Spiels, in welchem die deutsche Mannschaft mit etwas mehr Glück in Führung hätte gehen oder zumindest den Anschluss erzielen können. Am Ende entscheidet das Quäntchen Glück, das sich Frankreich aber auch nicht unverdient mit einer geschlossenen Mannschaftsleistung erarbeitet hat.

 

Wir ziehen unseren Hut vor Frankreich – Chapeua und viel Erfolg gegen Portugal!

Autor: Nils Gatzmaga

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Kommentare: 1
  • #1

    Alexander (Dienstag, 02 August 2016 04:59)

    Treffend beschrieben. Dankeschön.